Camino del Norte (Tag 05)

 

Elejalde → Lezama


 → 33,7 Kilometer
↑ 314 Meter

Freitag, der 26.06.2009

 

Mendata
Mendata

Wenn einem die gesamte Herberge gehört und nicht mal so etwas wie ein Herbergsvater in der Nähe ist, kann es schon mal vorkommen, dass man erst so gegen 8:30 Uhr aufsteht.
Dementsprechend ist es ca. 9:00 Uhr, als wir die Tür des Gebäudes hinter uns zu ziehen und die leicht abschüssige Landstraße in Richtung Gernika-Lumo beschreiten.
Trotz des doch recht vorteilhaften Gefälles zieht der Weg sich bis zu dieser etwas größeren Stadt ziemlich hin. Umso glücklicher sind wir dann, als wir dort vor einem Café endlich unser Frühstück zu uns nehmen können.
Auf den Flachbildschirmen in der Bar laufen merkwürdiger Weise ausschließlich Michael Jackson-Videos.
Als wir fertig sind, beschließen wir, uns vorerst zu trennen, da Jens sich hier noch ein Museum ansehen möchte. Er bittet mich, kurz vor einer Weggabelung, an der man sich für oder gegen eine vorzeitige Herberge entscheidet, einen Hinweis für ihn auszulegen, wie ich mich dort entschieden habe. Ich bin zwar inzwischen fast überzeugt, dass der Camino solche Dinge regelt, aber ich verspreche es ihm und ziehe weiter.
Bei einem Blick auf meine Armbanduhr stelle ich fest, dass ich jetzt nicht nur mein Zeitgefühl sondern auch die konkrete Uhrzeit verloren habe. Meine Uhr ist stehen geblieben. Zum Glück hat meine Kamera ja noch eine Uhr.
Kurz vorm Verlassen der Stadt decke ich mich erneut in einem Supermarkt mit den obligatorischen Lebensmitteln ein.

Mein Knie hat sich leider noch nicht wieder erholt, was den Weg zu neuen „Höhenflügen“ zu inspirieren scheint.
Nach weiteren gut 6 km entscheide ich mich, trotz der Beschwerden, an der angekündigten Weggabelung gegen die Herberge und lege aus Steinen den versprochenen Hinweis für Jens.

Bergpanorama
Belohnung für den Aufstieg

Gerade als meine Wasserflasche mal wieder zur Neige geht, weist mich abermals ein Schild an einem Hof auf einen Wasserhahn hin.
Einige Zeit später mache ich noch eine kleine Pause auf einem Baumstamm und quäle mich danach einen steilen Weg hinunter, denn ich definitiv niemals wieder hinauf käme. Aber genau dieses Problem stellt sich an seinem Fuße: An der sich dort befindenden Weggabelung sind keine Wegweiser mehr zu entdecken – ein sicherer Hinweis darauf, dass man nicht mehr auf dem Camino ist. Da ich mich aber tatsächlich nicht mehr in der Lage fühle umzukehren, laufe ich weiter. Irgendwie werde ich schon auf Umwegen wieder auf den Weg zurückfinden.
Kurze Zeit später treffe ich auf eine Landstraße, deren Nummer ich zwar in der grob gezeichneten Karte meines Wanderführers wieder finde, aber leider ist überhaupt nicht zu erkennen, welche Richtung nun Sinn macht. Ich entscheide mich für links. Die wenigen Menschen, die ich treffe, können mir keine wirklich eindeutigen Hinweise geben – jedenfalls nicht, wenn man kein Spanisch kann.
Erst als ich nach endlos wirkender Zeit eine größere Ortschaft erreiche, bestätigt mir eine Frau, dass ich richtig bin. Allerdings ist mein Ziel noch gute 12 km entfernt. Sie bietet mir an, mich zu fahren. Ich lehne dankend ab.

Als der Ort bereits knapp 1 km zurück liegt, höre ich plötzlich jemanden hinter mir rufen. Ich drehe mich um und sehe, dass in einem noch recht großen Abstand zu mir eine Person an der Straße geht. Das ist doch Jens!? Dann bin ich wohl tatsächlich wieder richtig – oder wir beide falsch…
Ich lasse ihn aufholen, was mir nicht besonders schwer fällt, da ich eh nur noch mit schätzungsweise 2 km/h unterwegs bin. Es stellt sich heraus, dass sich unsere Wege, irgendwo nach meinem Hinweis für ihn, geändert haben müssen.
Später finde ich mit Hilfe von Google Earth heraus, dass ich einen gut 7 km langen Umweg gelaufen bin.
Nicht zuletzt deswegen hat Jens mich wieder eingeholt. Irgendwann entdecken wir dann auch wieder den ersten Pfeil. Trotzdem liegen noch mindestens 10 km vor uns, was mit der besagten Geschwindigkeit bedeutet, dass wir noch gute 5 Stunden unterwegs sein dürften… Und es ist schon 18:00 Uhr! Zum Glück erfahren meine Knie noch eine Art Wunderheilung und ich kann das Tempo trotz meiner runden Füße wieder anziehen.
Es folgen noch ein oder zwei Dörfer, die wir jeweils für den letzten Ort vor unserem Ziel halten – dieser lässt aber noch etwas auf sich warten.
Und so erreichen wir bei Sonnenuntergang gegen 20:30 Uhr Lezama und nach einer kurzen Irr-Runde auch unsere Herberge. Diese befindet sich inmitten eines Wohngebietes und scheint sehr neu zu sein.
Der Herbergsvater hingegen ist offenbar vom alten Schlag. Als erstes faltet er uns zusammen, weil wir erst so spät kommen. Fürs Essen sei nun keine Zeit mehr und um 22:00 Uhr wird das Licht ausgemacht. Da gäbe es auch für Deutsche keine Ausnahme. Als hätte das irgendjemand erwartet!?
Das alles verstehen wir, weil er es uns im perfekten Deutsch um die Ohren haut. Er ist Deutscher und schon etwas älter. Wir erzählen ihm von unseren Handicaps. Darauf hin meint er nur, dass man dann halt eine Herberge früher nehmen müsse. Ja, wenn es denn da eine gegeben hätte… Laut Jens war selbst die, die es da gab, geschlossen!
Wir sollen noch schnell duschen, trocken feudeln (die Kabinentüren sind schlauer Weise außerhalb der Wannen montiert…!) und dann ins Bett. Wir verlassen gerade die sanitären Räume, als er hinein geht und sofort mit den Worten wieder heraus kommt, dass wir das doch wohl besser könnten. Er weist uns an, ihm zu folgen. Dann nimmt er den Feudel, um uns mit einigen Wischbewegungen zu zeigen, wie man das richtig macht. Danach drückt er mir den Stiel in die Hand. Zu Jens sagt er nur, er solle nicht gucken, sondern helfen. Wir bezweifeln, dass zwei Mann an einem Feudel so sinnvoll sind.
Da der Wischmopp nur so ein Fransenteil fürs Grobe ist, greifen wir zum Handpapier und machen damit den Rest trocken.
Als er dann noch meint, uns darüber aufzuklären zu müssen, dass der Camino kein Hotel sei, bin ich kurz in der Versuchung, ihm die Meinung zu geigen, aber ich will nur noch ins Bett.
Um 22:00 Uhr geht das Licht aus. Und da haben auch wir Deutsche keine Ausnahme gemacht.
Der Camino ist halt kein Hotel…

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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