Camino del Norte (Tag 19)

 

Gijón → Avilés


 → 24,6 Kilometer
↑ 200 Meter

Freitag, der 10.07.2009

 

hinter Gijón
hinter Gijón

Nachdem die Nacht endlich hinter mir liegt, verlasse ich mein Zimmer und treffe auf dem Flur nicht mehr den Mann von gestern sondern einer Frau im gleichen Alter. Nun folgt also ein weiterer spannender Moment im Bezug auf diese Unterkunft: Was wird sie jetzt wirklich kosten? Preise steigen oder schwanken ja durchaus mal. Aber sie kassiert tatsächlich die im Buch angegebenen 12,- €. Erleichtert verlasse ich das Haus und kehre ausnahmsweise gleich schräg gegenüber in eine sehr einladend wirkende Bar zum Frühstück ein (→ SV). Der große Raum ist sehr geschmackvoll in warmen Farben und dunklen Hölzern gehalten. In seiner Mitte befindet sich eine große längliche Bar. Alles macht einen eher edlen Eindruck, und ich darf somit schon wieder gespannt sein, was dies im Bezug auf die Preise bedeutet.
Ich bestelle mir ein großes, dreistöckiges Sandwich mit Thunfisch, Ei, Schinken und Käse. Das servieren wird beinahe zelebriert. So wird die aufgeschäumte Milch dem Kaffee erst vor meinen Augen am Tisch zugegeben, es folgen als Bonus zwei Gebäckstücke und ein Saft im Schnapsglas. Meine Angst wächst, aber ich genieße das üppige Frühstück und das Ambiente. Und als ich dann mit einer Vorstellung von zu zahlenden 10,- € zum zahlen an die Bar trete, überreicht mir die Dame dahinter eine Rechnung von 4,10 €!
Das ist was ich auf diesem Weg inzwischen gelernt habe: Das Ambiente einer Bar sagt absolut nichts über das Preis-Niveau aus.
Bei tendenziell gutem Wetter steuere ich, wieder den Muscheln folgend, den Stadtrand an. Bis ich diesen erreicht habe, vergeht allerdings eine erstaunlich lange Zeit. Und auch der Außenbezirk zieht sich hin. Unterwegs hole ich mir noch Wasser und einen Trinkjoghurt. Die anfänglichen Wolken haben sich zwischenzeitlich vollständig verzogen.
Ich laufe an stark befahrenen Ausfallstraßen entlang, die von riesigen Industrieanlagen umgeben sind. Ich muss an Albert denken, der das alles gestern Abend noch laufen musste, um einen zelttauglichen Platz zu finden.

Nachdem mein Wanderführer mir ja bereits gestern zu meiner Unterkunft verholfen hat und mich heute beim finden des Weges durch das Straßen und Baustellenchaos unterstützte, bin ich nun schon wieder auf ihn angewiesen: Ich habe die Zivilisation schon seit einiger Zeit hinter mir und stehe nun an einer Weghalbkreuzung, an der es absolut keine Hinweise gibt. Dies ist in der Regel ein sicheres Zeichen dafür, dass man sich nicht mehr aber auf dem Camino befindet. Aber ich versuche, diese Stelle in der Wegbeschreibung des Buches zu finden. Und tatsächlich gibt es da einen Punkt, der meiner Position sehr ähnelt. Demnach habe ich mich jetzt nach links zu wenden. Als dann aber nach gut 1 km immer noch kein Wegweiser aufgetaucht ist, bin ich mir sicher, mich das zweite Mal auf diesem Camino verlaufen zu haben. Also beschließe ich, noch die nächste Biegung dieses leicht bewaldeten Weges abzuwarten und dann umzukehren. Und was steht da in eben dieser Kurve im hohen Gras? Ein alter Monolith mit einer Muschel (→ SV). Also weiter.

Maisspeicher
Maisspeicher

Nur kurz darauf treffe ich auf zwei neue Pilger, die gerade im Gespräch mit einem alten Einheimischen sind, der so bilderbuchmäßig aussieht, dass nicht nur die beiden, sondern auch ich ein Foto von ihm mache.
Danach ergibt es sich, dass wir zu dritt weiterlaufen. Die beiden sind Italiener. Der eine ist wohl etwas jünger als ich und der andere könnte unser Vater sein. Er hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit Armin Mueller-Stahl und spricht etwas englisch. Der Jüngere hingegen ist zwar sehr freundlich, sagt aber nicht all zu viel.
Gemeinsam treffen wir im Randgebiet unseres gemeinsamen Ziels Avilés ein. Wir befinden uns immer noch an der Schnellstraße, an deren Rand wir schon seit geraumer Zeit entlang laufen. Dementsprechend gleicht das Restaurant, in das wir gemeinsam einkehren, auch ein wenig einem Truckstopp (→ SV). Gute 2 km vorher wollten die Beiden in eine andere, wenig verlockende Bar einkehren. Ich informierte sie darüber, dass es demnächst eine größere Gaststätte geben solle, und so zogen sie mit mir weiter. Sie bestellen sich ein Tagesmenü. Da es mir dafür um 15:00 Uhr noch zu früh ist bestelle ich mir nur ein Bocadillo und einen Kaffee.
Das Essen der Beiden ist so umfangreich, dass auch ich noch davon profitiere.

am Ortseingang von Avilés
am Ortseingang von Avilés

Auf der verbleibenden Strecke bis zur Herberge, die ebenfalls nur an großen Straßen entlangführt, ziehe ich erst mal wieder voraus – und ehe ich mich versehe, stehe ich vor dem Eingang der heutigen Unterkunft (→ SV).
Ich checke ein und erkunde erst mal den Altstadtteil , der genau auf der anderen Straßenseite beginnt und wie Leon autofrei und sehr attraktiv ist.
Als ich wieder in die Herberge zurückkehre, ist diese mit ihren 30 Betten schon fast voll; kaum zu glauben. Aber es sind auch wieder alle alten Bekannten vertreten – abgesehen von denen, die den Camino Primitivo genommen haben. So auch Albert, der mir von seiner Odyssee hinter Gijón erzählt. Aber es sind auch neue Gesichter dabei. Zum Beispiel René, ein Deutscher. Wir kommen eine Zeit lang ins Gespräch, bevor ich langsam mal zusehe, dass ich noch etwas zu essen bekomme. Das erweist sich allerdings als schwieriger als ich dachte. Die Stadt ist zwar urgemütlich, aber so richtige Restaurants gibt es hier irgendwie nicht. Und so kehre ich nach gut einer Stunde verzweifelter Suche in einem Dönerimbiss ein.

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