Camino del Norte (Tag 26)

 

Tapia de Casariego → Godán


 → 36,3 Kilometer
↑ 160 Meter

Freitag, der 17.07.2009

 

Tapia de Casariego
Tapia de Casariego

Dieser Camino ist in einigen Punkten wirklich anders als der im letzten Jahr! Gegen 4:00 Uhr kommen die Anderen von der Fiesta zurück. Ich bekomme davon nichts mit. Dafür träume ich, dass der Camino bereits einige Tage hinter mir liegt und ich schon wieder zu Hause bin. Was mich aber total irritiert, um nicht zu sagen zur Verzweiflung treibt: Mir fehlen die letzten zwei Wochen…! Dieser Zeitraum scheint vollkommen aus meinem Gedächtnis gestrichen zu sein. Da ist einfach nichts. Ich versuche irgendwie herauszufinden, dass ich nur träume. Aber es scheint real zu sein – bis ich aufwache und genau diese letzten zwei Wochen wieder vor mir liegen. Na, dann will ich doch mal sehen, was mir in dem Traum entgangen ist.
Ich mache mich fertig und ziehe allein los. Die anderen werden sicher noch ein wenig brauchen und das ist mir auch gar nicht so unrecht. Es ist mal wieder Zeit, ein wenig allein zu laufen.
Ich bin noch in der Stadt, da fängt es an zu regnen. Egal. Ich muss jetzt eh erst mal ein wenig einkaufen und werde auch gleich hier im Ort noch frühstücken. Als ich im Supermarkt an der Kasse stehe, spricht mich von hinten plötzlich eine Frau auf Spanisch an und redet auf mich ein, während sie mir etwas geben will. Ich verstehe nur „Camino de Santiago“ und das, was sie mir da in die Hand drückt ist ein Euro. Sie lächelt und lässt mich etwas ratlos stehen.
Noch hinter der Kasse rüste ich auf Regen um, aber als ich den Laden verlasse, ist es schon fast wieder trocken. Trotzdem kehre ich gleich darauf in ein Café ein und frühstücke, während draußen noch die letzten Fiesta-Besucher versuchen nach Hause zu kommen.
Der heutige Weg führt direkt an der Steilküste entlang. Der Atlantik ist sehr aufgewühlt, und die Wellen brechen sich teilweise spektakulär an den schroffen Felsen. Ich treffe so gut wie keinen Menschen. Zwischendurch scheine ich den offiziellen Pfad immer wieder zu verlieren, aber da mein erklärtes Ziel sich ebenfalls direkt an der Küste befindet, kann ich ja nicht so viel falsch machen. Also sehe ich einfach zu, dass ich möglichst dicht am Wasser bleibe. Allerdings nicht nur, um mein Ziel nicht zu verpassen, sondern, weil es auch gilt das Meer noch mal zu genießen. Denn heute ist der letzte Tag, an dem „Der Küstenweg“ seinem Namen alle Ehre macht. Ab Ribadeo geht es ins Landesinnere, diagonal runter in Richtung Santiago.
Immer wieder passiere ich fast einsame Buchten mit kleinen Stränden. In einer davon, die zur Saison wahrscheinlich von einem kunterbunten Treiben beherrscht wird, nehme ich etwas oberhalb vor einem kleinen Café das obligatorische Heißgetränk ein und habe einen genialen Ausblick auf das Meer, den leeren Stand sowie die zurückliegende Küste bis nach Tapia de Casariego (→ SV).

letzter Tag am Meer
letzter Tag am Meer

Ich folge weiter der Küste und bin sehr gespannt, ob mein Wanderführer noch recht hat. Denn der schreibt, dass man zur Zeit seiner Entstehung noch nicht zu Fuß über die große Autobahnbrücke nach Ribadeo kam und von daher einen mehrere Kilometer langen Umweg in Kauf nehmen musste. Und bis nur wenige Meter vor diesem Bauwerk, das einen breiten Fluss überspannt, sieht es auch wirklich so aus, als hätte sich daran nichts geändert. Aber dann entdecke ich einen schmalen Weg, der durch ein hohes Gitter von der Fahrbahn getrennt ist. Ich kann nur dankbar für dieses Gitter sein, denn der extrem starke Wind, der vom Meer her kommt drückt mich hier oben immer wieder in Richtung Straße.
Die Herberge ist bereits von hier aus zu sehen, da das kleine Häuschen unterhalb der Brücke direkt am Fluss liegt (→ SV). Als ich dort ankomme, erfahre ich allerdings von den recht jungen und mir völlig unbekannten spanischen Pilgern, dass absolut nichts frei sei. Weder überrascht mich das bei der „Größe“ dieser Unterkunft, noch bin ich sonderlich enttäuscht. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass „meine“ Leute hier ebenfalls versuchen unterzukommen, und ich möchte einfach noch ein wenig allein unterwegs sein. Also ziehe ich weiter in die Stadt.
Über eine Fußgängerzone erreiche ich einen innerstädtischen Park, an dessen einer Seite ein sehr auffälliges Gebäude mit kleinem Turm steht. Es sieht ein wenig so aus, als hätte Gaudi hier wieder seine Finger im Spiel gehabt. Die Touri-Info befindet sich ebenfalls hier, ist aber leider geschlossen. Laut Wanderführer soll es in gut 9 km noch eine günstige Pension geben. Also suche ich eine Bar auf und stärke mich noch mal.
Danach breche ich auf und verlasse Ribadeo. Von nun an kehrt man der Küste den Rücken, auf einer Anhöhe blicke ich noch mal zurück über Ribadeo auf den Atlantik und verabschiede mich. Jetzt geht es erst mal in ein keines Gebirge.

plötzlich mitten in den Bergen
plötzlich mitten in den Bergen

Es ist inzwischen 16:00 Uhr, und ich kann nur hoffen, dass ich die angekündigte Pension finde, denn die nächste Chance auf ein Bett ist von hier noch gute 21 km entfernt!
Bis Santiago sind es hingegen noch 193,830 km. Darüber informieren die gravierten Zahlen in dem Monolithen, vor dem ich gerade stehe. Die Muscheln, die einem den Weg weisen, geben die Richtung von jetzt umgekehrt an: mit den Strahlen voran. Ich nähre mich offenbar dem Camino Francés. Ich kann auch nicht leugnen, dass ich ein wenig der Illusion erliege, mich von nun an meinem „Zuhause“ zu nähern. Meiner alten „Familie“. Aber natürlich ist mir völlig klar, dass die Menschen, die da jetzt auf dem Francés unterwegs sind, nichts mit den Leuten aus dem letzten Jahr zu tun haben.
Genau in der Gegend, in der ich die Pension erreichen müsste, laufe ich durch einen Ort, der in meinem Wanderführer gar nicht erwähnt wird. Und auch die Monolithen scheinen sich für eine andere Strecke entschieden zu haben. Von daher lege ich das Vorhaben „Pension“ zu den Akten und sehe zu, dass ich den Camino möglichst bald wieder finde, um nun die besagte Herberge anzusteuern.
Eine Frau bestätigt mir, dass ich am Ende des Dorfes nur dem Weg ins Tal folgen müsse, und ich käme wieder auf den Camino. Sie behält Recht. Wie entspannend doch der Anblick eines Monolithen sein kann.
Die Etappe ist zwar nun weit länger als geplant, aber dafür auch so ziemlich die schönste, die ich bisher hatte. Zum einen, weil sie mit den Zutaten Küste, Stadt und Gebirge sehr abwechslungsreich ist, aber auch, weil ich mal wieder zu einem guten Zeitpunkt ganz allein unterwegs bin. Außerdem ist das Wetter sehr schön. Trotzdem kann ich nicht leugnen, dass mir meine Füße langsam wehtun.
Ich bin sehr gespannt, ob ich da wieder alte Bekannte treffe. Immerhin sind ja in den vergangenen Tagen so einige Leute wie Iris und Co. oder Birgitte mit Markus voraus gelaufen. Genauso gut könnte es aber auch sein, dass ich plötzlich die Nacht allein mit der spanischen „Clown-Truppe“ verbringe. Bitte nicht!
Aber der Camino ist halt kein Hotel. Und selbst da kann man sich die Mitbewohner nicht aussuchen.

Sonnenuntergang über Godán
Sonnenuntergang über Godán

Nach knapp 37 km erreiche ich gegen 20:00 Uhr das Dorf mit seiner kleinen Schule, deren Nebengebäude hoffentlich noch ein Bett frei hat. Ich trete durch die Tür in einen Aufenthaltsraum und sehe da an einem langen Esstisch genau die Formation sitzen, die auf meinem Wunschzettel ganz unten stand.
Sie grüßen mich (ganz normal) und ich frage nach der Bettensituation. Sie sagen, dass da noch ein oder zwei Betten frei seien und man die Formalitäten im benachbarten Wohnhaus erledigt. Genau das mache ich als Nächstes und beziehe dann mein Bett, das sich direkt am Fenster mit Blick ins Tal befindet. Danach kehre ich zurück in den Aufenthaltsraum und frage, wie das hier mit dem Essen aussieht. Die Jungs klären mich darüber auf, dass man sich hier nur etwas aus dem nächsten Ort kommen lassen kann. Sie hätten dort bereits alle etwas bestellt. „Hmm, aber wegen einer Person werden die wohl kaum ein zweites Mal losfahren!?“
„Das brauchen die auch nicht. Wir haben mit Sicherheit mehr als genug.“
Ich bin nicht sicher, ob ich sie richtig verstanden habe. Zum einen, weil sie kaum Englisch können, aber auch, weil das ja nicht so ganz in mein Bild von ihnen passt…
Doch nur kurze Zeit später fährt ein Wagen vor, der diverse Schalen mit Essen sowie Getränke abliefert, und dann bin ich zu mehr Tortilla und Nudel-Thunfischsalat eingeladen, als ich verkrafte. Außerdem teilt einer noch seine Dose Bier mit mir und es wird eine 2-Liter-Flasche mit einer Art Baileys gemeinsam gelehrt. Währenddessen befragen sie mich unter anderem zu meinem Camino und sind offenbar ernsthaft beeindruckt, dass ich ganz allein und ohne Spanisch-Kenntnisse unterwegs bin. Außerdem erzählen sie mir von ihrem heutigen Trip, der auch nicht ganz ohne war. Kurz: Ich verbringe einen angenehmen und kurzweiligen Abend mit ihnen.
Ich sage nur: „Willkommen auf dem Camino“, und ich habe noch viel zu lernen!

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