Camino Francés (Tag 21)

 

León → Villar de Mazarife


 → 24,3 Kilometer
↑ 168 Meter

Mittwoch, 21.05.2008

 

Monolith
Monolith

Wer hätte gedacht, dass ich meinen Pilgerstab einmal bewusst zurücklassen würde!? An diesem Morgen aber tue ich genau das. Allerdings auch nur, um ihn dann wenige Minuten später zu holen. Der Reihe nach:
Wenn man sich auf dem Camino zwischendurch mal ein Zimmer gönnt, dann auch, um mal richtig komfortabel und warm duschen zu können. Aber die Dusche in diesem Zimmer ist nicht warm. Sie ist HEISS!!! Mit dem Wasser, das da aus der Brause kommt, kann man sich bestenfalls Kaffee, Tee und Eier zubereiten! Entsprechend enttäuscht erwarte ich vom Hostal ein kleines Entgegenkommen. Da ich aber damit rechne, dass die Dame an der Rezeption in diesem Punkt auf stur schalten wird, bereite ich mir meinen eigenen, kleinen Preisnachlass vor. Als nun also meine Kreditkarte mit einem freundlichen „Das verstehe ich nicht. Das hatten wir bis jetzt noch nie.“ beim vollen Betrag durch das Lesegerät gezogen wird, bitte ich noch mal um den Schlüssel zum Zimmer, da ich ja meinen Pilgerstab dort dummerweise habe liegen lassen. Danach verlasse ich das Hotel um ein dringend benötigtes Handtuch reicher…
Wie immer in den größeren Städten sind Wegweiser ziemliche Mangelware. Trotzdem finde ich irgendwann den Weg durch das wenig attraktive, äußere Stadtgebiet von León. Der Abgasgestank der Autos hier ist auch für einen Hamburger außergewöhnlich! Noch mehr belasten mich allerdings im Moment meine Blasen. Nachdem ich am Vortag nun schon Dränagen in Form von Fäden gelegt habe (einer von vielen heißen Tipps zu dem Thema), waren diese zwar schön trocken, aber natürlich nicht minder gegeizt. Aber das Wetter ist weiterhin sehr schön.
Mein Frühstück nehme ich in einer kleinen Bar in einem Vorort von León ein (→ SV). Am Tresen hängen Hinweisschilder mit der Aufschrift: „verbotene Nahrung der Außenseite“ und „verbotene Toiletten ohne Verbrauch“. Auch die beiden Pilger, die nach mir den Laden betreten, amüsieren sich darüber. Sie sind etwas jünger als ich und hießen Simon und Marco. Wir kommen kurz ins Gespräch, bevor sie wieder vor mir aufbrechen.

gute Alternative zur Landstraße
gute Alternative zur Landstraße

Als ich bemerke, dass meine inzwischen fünf kleinen Quälgeister an den Füßen wieder am Gedeihen sind, beschließe ich, von den Stiefeln auf die Sandalen zu wechseln.
Nach ein paar Kilometern muss ich allerdings feststellen, dass das auch nicht hinhaut, und ich werde langsam nervös. Bei einem außerplanmäßigen Stopp mache ich mich an eine umfangreichere Behandlungs- und Prophylaxeprozedur. Offenbar sind 500 gelaufene Kilometer kein Garant für eingelaufene Schuhe. Das musste offensichtlich auch so manch anderer Pilger auf diesem Streckenabschnitt feststellen. Da stehen hin und wieder, mitten in der Pampa, plötzlich Wanderstiefel auf einem Wegweiser. Also drohe ich meinen Schuhen, ihnen würde das gleiche Schicksal blühen, wenn sie sich nicht bessern.

Der ursprüngliche Verlauf des heutigen Abschnittes zieht sich komplett an der Landstraße entlang. Zum Glück hat sich aber eine Alternative etabliert, die durch eine sehr attraktive Landschaft führt, die einer Art Hochebene ähnelt.
Kurz bevor das nächste Dorf in Sichtweite kommt, entwickelt sich mal wieder eine mir sehr vertraute aber noch lange nicht vermisste Situation: 120-prozentige Regenwahrscheinlichkeit von rechts.
Was dann folgt, ist allerdings eine völlig neue Erfahrung: Der Wolkenbruch setzt ein, NACHDEM ich die örtliche Bar (→ SV) betreten habe. Auf deren Veranda genieße ich mein Bocadillo und den Kaffee in Gesellschaft von Regen, Blitz und Donnergrollen sowie zwei älteren Norwegerinnen, die heute in León gestartet sind.
Nachdem der Regen aufgehört hat, breche ich noch vor den beiden wieder auf.

Villar de Mazarife
Villar de Mazarife

Mit ziemlicher Sicherheit erreiche ich heute mal wieder als einer der Letzten den Zielort, der zwar recht klein ist, aber über gleich mehrere Herbergen verfügt. Also lasse ich die ersten zwei oder drei Unterkünfte links liegen, um mir erst mal einen Überblick zu verschaffen. Bei der letzten stelle ich fest, dass dies eine gute Entscheidung war (→ SV). Ich komme in einem zweistöckigen Gebäude mitten im Ort unter. Mein Zimmer verfügt insgesamt über zwei Etagenbetten, unter denen ich freie Wahl habe und die Bar im Erdgeschoss stellt das Pilgermenü auch für alle anderen Herbergen des Dorfes. Zu jedem Zimmer gibt es ein eigenes Bad und von meinem Bett aus blicke ich direkt auf einen kleinen Platz vor der Kirche, auf deren Turm vier oder fünf Storchenpaare ihre Behausung haben. Von denen gibt es hier in Nordspanien übrigens fast mehr, als bei uns Tauben – naja, fast.
Beim Pilgermenü sitze ich mit einem Koreaner sowie den beiden Norwegerinnen vom Nachmittag an einem Tisch. Als ich mit meinem Essen fertig bin, schiebt mir die eine von beiden noch den Rest von Ihrem Teller rüber. Es soll nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sie mich für so versorgungsbedürftig hält.
Nach wieder mal netten, angeregten Gesprächen und diversen Weingläsern ziehen sich alle wieder in ihre Herbergen zurück, und ich stolpere einfach nur noch die Treppe hinauf in mein Zimmer.
Vom Bett aus erfreue ich mich noch mal am Ausblick ins abendliche Villar de Mazarife. Dabei entdecke ich in der Ferne die Ausläufer des Kantabrischen Gebirges, die es in naher Zukunft noch zu überwinden gilt.

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