Camino Francés (Tag 06)

 

Puente de la Reina → Estella


 → 23,9 Kilometer
↑ 152 Meter

Dienstag, 06.05.2008

 

Cirauqui
Cirauqui

Es gibt so einige Utensilien, an denen man einen Pilger sofort erkennt: da wäre natürlich der große Rucksack – kleine outen einen eher als Tourigrino (vom spanischen peregrino – „Pilger“, die mit Reisebussen den Camino abfahren). An diesem Rucksack baumelt fast immer eine Jakobsmuschel. Außerdem benutzen viele Walkingstöcke oder einen Pilgerstab.
Auf Letzteren habe ich bislang verzichtet – bis heute…
Zwar waren meine regelmäßig auftretenden Knieschmerzen immer im erträglichen Rahmen geblieben, aber man muss ja auch nicht abwarten, bis sich das ändert.
Also kaufe ich mir noch in Puente de la Reina für rund 7,- € ein geeignetes Exemplar, das von nun an mein täglicher Begleiter sein soll.
Somit verlasse ich die Stadt wieder bei bestem Wetter über die wohl berühmteste Brücke dieses Weges mit einem gleichmäßigen Klackgeräusch auf dem Boden (→ SV).

Irgendwann hole ich das Pilgerpaar aus Mexiko ein, mit dem ich unter Anderen in der letzten Nacht das Zimmer geteilt hatte, sie sprechen mich auf meine neue Gehhilfe an. Als ich ihnen von meinem Knie berichte, gibt er mir ein paar kleine Tabletten, von denen er meint, dass sie gut und schnell wirken würden. Ich nehme eine, und wenige Minuten später merke ich mein Knie nicht mehr – obwohl ich gerade dabei bin, mich einen Berghang hochzuarbeiten. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass dies nur auf die Tabletten zurückzuführen ist. Aber als ich die beiden wieder einhole, bedanke ich mich noch mal ganz begeistert.
Nur wenige 100 Meter weiter wird diese Freude allerdings je ausgebremst: Gerade, als ich oben am Berg ankomme, steht da plötzlich ein Polizist mitten auf dem Weg und bittet mich mit einer Handgeste, etwas weiter links vorbei zu gehen. Im ersten Augenblick denke ich, es würde sich bei dieser etwas surrealen Szene um eine Art Personenkontrolle handeln, aber dann sehe ich beim Weitergehen, dass hinter ihm jemand auf dem Weg liegt – komplett zugedeckt von einem weißen Tuch…
Weitere Polizisten nehmen offenbar die Personalien einiger Pilger auf.
Wie ich später erfahre, handelt es sich bei dem Toten um einen Franzosen um die 60, der gesundheitlich bedingt dort erschöpft zusammengebrochen ist.
Die Wiederbelebungsversuche der anderen Pilger blieben ohne Erfolg.
Mit einem ziemlich komischen Gefühl steuere ich Cirauqui an, in dem es trotz dieses Erlebnisses angesagt ist, etwas Nahrung zu mir zu nehmen. Das Frühstück im Hotel bestand nämlich nur aus Baguettes mit Pfirsichmarmelade, Pfirsichsaft sowie geschälten Pfirsichen.
Das hält nun mal nicht lange vor.
In der Bar, in der ich ein riesiges, mit Ei und Schinken belegtes Baguette zu mir nehme, halten sich neben der Dorfbevölkerung auch so einige Pilger auf. Fast alle sprechen von dem verstorbenen Franzosen. Zu allem Überfluss erzählt mir die eine von zwei älteren Damen, an deren Tisch ich sitze, dass sie am Morgen per Handy vom den Tod ihrer Schwägerin erfuhr. Dies nehme sie sehr mit, aber sie wolle den Weg trotzdem nicht abbrechen – es würde eh keinem nützen.

Estella
Estella

Natürlich trage ich diese Geschichten noch eine Weile mit mir rum, aber das sehr schöne, fast schon zu warme Wetter und die Landschaft bringen mich wieder immer mehr auf andere Gedanken.
Auf der gesamten Etappe treffe ich heute auf erstaunlich wenig Pilger. Zwei davon sind mal wieder Konstanze und Daniel, die mich bitten, ihnen eines Rätsels Lösung zu geben: Sie haben eine Wette auf mein Alter abgeschlossen. Er schätzt mich auf 27, sie sogar auf nur 24. Der Weg macht offenbar jünger – deutlich jünger! Ich kläre die Beiden auf und ziehe weiter. Nun muss sie ihm einen Kaffee ausgeben.
Ich merke, dass sich mein Tempo allmählich verlangsamt. Keine Ahnung, ob das nun an einer einkehrenden inneren Ruhe oder einfach nur an meinem Stock liegt. Jedenfalls treffe ich relativ spät in Estella ein – zu spät für ein freies Bett! (→ SV)
Aber eine Matratze und ein freies Fleckchen Boden finden sich dann doch immer noch. Also verbringe ich meine Nacht nach dem obligatorischen Pilgermenü, im Treppenhaus der Herberge zwischen zwei Schlafsälen.

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