Camino Nordfrankreich (Tag 01)

 

Hamburg → Straßburg (Anreise)


 → ca. 600 Kilometer
↑ ca. 7.000 Meter

Samstag, der 14.07.2012

 

Maschine nach Baden-Baden
Maschine nach Baden-Baden

Ich hätte doch mal lieber in Baden-Baden bleiben sollen!
Jetzt sitze ich hier in auf einer Bank auf dem Appenweiler Bahnhof am Gleis 9. Was allerdings nicht bedeutet, dass hier noch weitere 8 oder gar mehr Gleise existieren! Es gibt hier die Gleise 1 und 2 – auf letzterem bin ich vor gut 20 Minuten angekommen – sowie diesen Bahnsteig, an dem in gut 50 Minuten mein Zug nach Straßburg eintreffen soll. Anstatt der zu vermutenden anderen 7 Gleise, muss man an einem Parkplatz und einer Straße vorbei. Ansonsten gibt es hier offenbar nichts! Nur ein Bistro, das aber erst um 16:00 Uhr öffnet. Jetzt ist es 15:20 Uhr. Und auch die kleine Wohnsiedlung, aus der hier alles zu bestehen scheint, hatte ich schnell erkundet.
Tja, in Baden-Baden hätte ich zwar 2 Stunden am Stück warten müssen, um dann einen Zug zu nehmen, der direkt nach Straßburg fährt, allerdings hätte es da eine Einkehrmöglichkeit gegeben. Aber ich wollte ja lieber schon mal weiter, meinem Ziel ein Stück näher kommen und habe einen Zug früher genommen.
Aber die Zeit hier bekomme ich jetzt auch noch herum.
Ansonsten lief die Anreise ja bislang – wie eigentlich immer – sehr unproblematisch. Aber vor allem war sie – im Gegensatz zu sonst – sehr günstig: Für gerade mal 45,- € habe ich einen Flug von Hamburg nach Karlsruhe bekommen. Und die Zugstrecke von dort nach Straßburg kostete dann auch nur noch rund 12,- €.

Straßburg
Straßburg

Als ich in Straßburg ankomme, regnet es leicht, aber nicht lange. Noch auf dem Weg zu der in meinem Wanderführer beschriebenen Herberge, bricht die Sonne durch die Wolken und taucht die bereits jetzt recht attraktiv scheinende Stadt in ein freundliches Licht. Die Unterkunft ist schnell gefunden (→ SV). So gut wie die Wegbeschribung, so wenig aktuell ist leider die Preisangabe von 18,- €. Mit 27,- € bin ich dabei und kann mich glücklich schätzen! Denn, das erste, was mich der freundliche Mann am Empfang auf Deutsch(!) wissen lässt ist, dass die Herberge voll sei, da heute ein französischer Nationalfeiertag ist. Davon haben die Franzosen irgendwie verdächtig viele! Aber nach einigen Recherchen in seinem Computer, kann er mir noch ein Bett in einem Dreibettzimmer anbieten.
Perfekt. Mehr erwarte ich von einer Herberge doch auch gar nicht. Und wo heute der erste Tag ist, nehme ich das Abendessen gleich noch mit. Für 5,20 € werde ich hier wo anders wohl kaum etwas bekommen. Das Frühstück hingegen soll es traditionell auf dem Weg in einem Café geben.
Als ich ihn um den ersten Stempel für meinen Pilgerpass bitte, nimmt er sich erstmal ein Blatt Papier, um die korrekte Ausrichtung des Abdruckes zu überprüfen und setzt ihn dann sehr gewissenhaft und präzise aber kopfüber in das erste Fach meines Ausweises.
Das Zimmer teile ich mir zumindest mit einem Franzosen um die 50, der aber leider weder Deutsch noch englisch spricht. Ansonsten ist die Herberge zu 90 % mit Jugendlichen bevölkert.

Straßburg
Straßburg

Jetzt gilt es, endlich die Altstadt zu erkunden! Das Wetter ist nach wie vor extrem wechselhaft. Was aber zu unglaublich fotogenen Szenen führt. Denn kein Licht ist eindrucksvoller, als das einer tiefstehenden Sonne im Rücken, wenn vor einem fast schwarze Wolken den Hintergrund für die Motive bilden. Mein Glück ist vollkommen, als sich dann auch noch regelmäßig Regenbogen bilden. Teilweise sind es sogar gleich zwei!
Auch die berühmte Kathedrale ist unglaublich imposant. Was mich allerdings etwas enttäuscht: Der Camino ist hier buchstäblich nicht mal ansatzweise markiert! Sprich, nicht mal an seinem Startpunkt vor eben dieser Kathedrale gibt es irgendwelche Hinweise darauf! Erst später am Ill entdecke ich an einer Laterne einen kleinen Aufkleber mit der gelben Muschel auf blauem Grund.
Immer wieder muss ich kurz eine kleine Zuflucht vor dem einsetzenden Regen suchen. Das trübt allerdings kein wenig den positiven Eindruck, den ich von dieser Stadt bekomme. Wären die vor mir liegenden 5 Wochen für die anstehende Strecke nicht so knapp bemessen, wäre ich verleitet, eventuell einen Tag länger hier zu bleiben. Aber nein. Morgen soll es losgehen.
Irgendwann gewinnt die Sonne dann doch noch die Oberhand und ich beschließe, mir ein schönes, großes Bier zu gönnen. Auf einem fast mediterran wirkenden Platz mit diversen Bars und Cafés, setzte ich mich draußen an einen Tisch und genieße diese “Start-Gerste” in der Sonne. Zu dem Preis für dieses Getränk schweige ich an dieser Stelle einfach mal… Dafür ist es aber auch recht “ergiebig”, da ich bislang lediglich mein Frühstück und den Air Berlin-Snack hatte…
Apropos Essen: Es wird Zeit zur Herberge zurückzukehren!
Also ich dort ankomme, stehen da bereits diverse Jugendliche fürs Essen an. Als mich aber einer der Aufseher bemerkt, bittet er seine Schützlinge mich nach vorn durchzulassen.
Das Essen für 5,20 €, das auf einem Zettel im Fahrstuhl für heute angeboten wurde, scheint es hier gar nicht zu geben. Anstatt dessen kann ich für 8,- € eine Hauptspeise mit Vor- oder Nachspeise wählen. Ich entscheide mich für eine Art Schweinebraten und einen Joghurt und genieße dies in einem großen, vollen Essraum, an einem langen Tisch. Die Jugendlichen, die mich umgeben, sind schätzungsweise zwischen 8 und 18, aber die Atmosphäre ist weder laut noch chaotisch.

das Münster am Abend
das Münster am Abend

Als ich fertig bin, ziehe ich wieder in die Stadt. Immerhin bin ich ja nur noch heute hier…!
Auch bei dieser zweiten Runde sorgen das Wetter und vor allem das Abendlicht dafür, dass sich die Speicherkarte meiner Kamera weiter füllt. Die eigentlichen optischen Schauspiele folgen aber erst, als die Sonne längst untergegangen ist: Die Fassade der Kathedrale wird hier in den Sommerwochen offenbar allabendlich mit einer aufwendigen Lichtshow in bunte Farben getaucht. Passend zur Musik werden hier optische Illusionen erzeugt, dass ich aus dem Staunen nicht mehr herauskomme. Aber damit nicht genug. Irgendwann bemerke ich im Augenwinkel ein Blitzen. Und als ich meinen Blick von dem Spektakel vor mir abwende, entdecke ich, dass rechts von mir in einiger Entfernung ein riesiges Feuerwerk stattfindet.
Das französische Publikum wird davon ausgehen, dass dies zu ehren des heutigen Nationalfeiertages stattfindet. Aber für mich ist es ganz eindeutig ein mehr als würdevoller Auftakt für meinen Camino 2012!

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