Camino Nordfrankreich (Tag 03)

 

Rosheim → Barr


 → 21,5 Kilometer
↑ 574 Meter

Montag, der 16.07.2012

 

Bœrsch
Bœrsch

Ok. Wenn ich bedenke, dass Kloster eher zu den günstigen Unterkünften gehören, dann sollte ich mich langsam mit dem Gedanken anfreunden, dass diese Reise vom Budget her ungeahnte Dimensionen erreichen wird!
Als ich vorhin gerade am Frühstückstisch saß, kam die Schwester, die mich gestern aufnahm, und bat mich kurz in ihr Büro, da sie kurz darauf zur Messe musste. Sie wollte das Finanzielle klären. Dazu musste sie allerdings erst einmal alle in Anspruch genommenen Leistungen zusammengetragen. Pay-TV und Minibar gab es hier zwar nicht, aber dafür wollte sie wissen, ob ich die Bettwäsche genutzt hätte. Ich schluckte, bejate und dachte nur noch „Wasser und Licht auch“… Darauf hin bat sie mich freundlich um satte 38,- €! Das ist immerhin gut das Doppelte von dem, was noch in meinem Buch steht! Und wenn ich das jetzt hochrechne sowie das tägliche Leben dazurechne, komme ich für die folgenden Wochen auf mindestens 1.800,- €. Und ich sollte davon ausgehen, dass ich auch noch noblere Unterkünfte als Kloster zurückgreifen muss…
Nach einigem Zähneknirschen, komme ich zu dem Ergebnis, dass das am Ende schon irgendwie passt, so denn wenigstens das Wetter, die Infrastruktur und/oder die Gesellschaft sprich: Mitpilger stimmen würden!!! Aber leider sieht es für all diese Kriterien nicht gut aus. Der Vater von gestern saß heute morgen wieder mit am Tisch und erzählte mir, dass das Wetter auch in den nächsten Tagen eine ziemlich feuchte Angelegenheit werden soll. Oh Mann! Und jetzt!?
Abbrechen kommt nicht in Frage! Allein schon, weil es gar nicht möglich ist. Wie denn!? ich bin hier mitten in der Pampa! Außerdem will ich das, worauf ich mich die letzten Monate so gefreut habe, auch nicht so schnell aufgeben!
Es ist kurz nach 9:00 Uhr, und ich ziehe noch mal durch den Ort, um mich mit dem nötigsten einzudecken. Da komme ich auf ein, zugegebener Maßen, recht reizvolles Gedankenspiel: Ich habe noch die gesamte Zeit vor mir, bin bereits in Frankreich und damit gar nicht mehr sooo weit von Le Puy entfernt. Zumindest per Bahn würde ich das eigentliche Ziel dieses Caminos an einem Tag erreichen können. Und dann könnte ich doch den Weg vom Vorjahr einfach noch mal laufen! Der war sehr schön, hatte eine gute Infrastruktur, gutes Wetter und halbwegs humane Preise. Aber wie komme ich dann am Ende wieder zurück? Der Flug ab Lyon ist bereits gebucht! Andererseits wäre es jetzt auch nicht so schlimm, diesen verfallen zu lassen. Mit 47,- € kostet er gerade mal das, was hier so manche Übernachtung kosten dürfte…! Allerdings wird der dann kurzfristig gebuchte Rückflug ab Biarritz wahrscheinlich nicht mehr so günstig sein. Trotzdem suche mal spaßeshalber den in meiner Karte eingezeichneten Bahnhof und finde ihn auch – oder besser die alten Gleise, die ich erst bei genauerem Hinsehen im tiefen Gras entdecke… (→ SV) Ok. Kam sowieso nicht ernsthaft in Frage.
So es wird Zeit!
Wie sich herausstellt, ist mein Wanderführer auch was es die Ausschilderung angeht, nicht mehr wirklich up-to-date. Während er behauptet, dass es heute überhaupt keine Wegweiser geben würde – auch keine allgemeinen Wanderwegmarkierungen – entdecke ich gleich am Ortsausgang einen Camino-Hinweis mit der verbleibenden Gehzeit zum nächst möglichen Etappenziel: 2:55 Stunden. (→ SV) Was bedeutet, dass ich da so gegen 13:30 Uhr ankommen müsste. Von daher überlege ich natürlich noch weiterzulaufen. Das Problem ist nur, das die Anzahl der Herberen auf der nächsten Etappe incl. Ziel gleich Null ist! Trotzdem werde ich sehr wahrscheinlich weiterziehen. Die Motivation dafür steigt auch, weil das Wetter doch tatsächlich zunehmend freundlicher wird. Und als ich dann noch im nächsten Ort direkt vor dem Stadttor eine Bronzemuschel entdecke, die hier in den Boden eingelassen wurde, habe ich das Gefühl, dass dieser Weg und ich uns doch langsam näher kommen. Aber eben nur langsam. Denn den erhofften Supermarkt gibt es hier leider doch nicht. Dafür aber Geldautomaten. Und die sind, nach den letzten Erfahren, ja auch nicht unwichtig!
Gleich hinter Bœrsch zieht der Weg steil an. Dementsprechend lege ich auf einer Bank noch mal eine kurze Pause ein und zehre von meiner Banane, die ich heute Morgen noch in Rosheim erworben hatte.
Danach geht’s konsequent bergauf! Der Pfad führt durch bewaldetes Gebiet, und an jeder Weggabelung ist es der steilere Abzweig, dem ich zu folgen habe.
Gefühlt habe ich bereits seit Stunden keinen Menschen mehr gesehen. Einmal glaubte ich zwar kurz in der Ferne an einer Lichtung zwei Personen entdeckt zu haben, aber als ich ihnen näher kam, stellten sie sich lediglich als Baumstümpfe heraus. Es wird wirklich Zeit, dass ich etwas zu Essen bekomme…! Die Chancen dafür stehen gar nicht mal so schlecht, denn ziemlich bald soll das Kloster Sainte-Odile Abbey folgen. Dies liegt aber wiederum auf dem Odilienberg, den ich leider noch nicht ganz erklommen habe.

Ausblick vom Kloster Sainte-Odile Abbey
Ausblick vom Kloster Sainte-Odile Abbey

Nach einem finalen Aufstieg, habe ich es aber dann doch irgendwann geschafft, und ich erkunde als erstes diese dem Tourismus offenbar nicht ganz fremde Anlage. Zum Glück ist hier heute aber nicht so viel los, wie es die großen Parkplätze vor den Mauern vermuten lassen. Aber vor allem herrscht hier zurzeit eine unglaubliche Fernsicht! Es scheint fast so, als sei dies der einzige Berg in einer ansonsten komplett ebenen Landschaft. Ich bin mir ziemlich Sicher, dass man in der Ferne sogar noch Straßburg erkennen kann. Was faszinierend, aber natürlich auch etwas frustrierend zugleich ist.
Als ich alle Ausblicke genossen und abgelichtet habe, suche ich den Kiosk außerhalb des Klosters auf. Es gibt hier zwar auch ein Restaurant und sogar eine Herberge. Aber beides zu Konditionen, die mir nicht wirklich zusagen. Und so hole ich mir ein gut belegtes Sandwich sowie einen kleinen Café mit einem Döschen lait.
Es ist kurz vor vier, als ich Barr erreiche. Dieser kleine Ort mit seinen Fachwerkhäusern und zahlreichen Blumenkästen lädt durchaus zum Verweilen ein. Nur soll es hier laut Buch nun mal keine Herberge geben. Ich bin gerade noch viel mehr damit beschäftigt, mir die schicken Häuser anzugucken und zu fotografieren, da entdecke ich plötzlich eine kleine Touristeninformation. (→ SV) Also nix wie rein! fragen kostet ja nichts – hoffe ich!
Im Gegenteil! Die junge Frau, die mir da gegenüber hinter dem Tresen steht, spricht etwas Deutsch, ist unglaublich engagiert und freundlich. Sie findet heraus, dass es hier gleich zwei Herbergen gibt. Die eine davon kostet 9,- € scheint aber nur Gruppen aufzunehmen. Aber ich könne es da ja erst einmal versuchen, da es dort mit Sicherheit am günstigsten ist. Aber bevor ich gehe, will sie von mir wissen, ob ich denn auch für morgen schon eine Bleibe hätte.
“Ähm. Nein!?”
“Es gibt da eine Herberge, die auch auf Pilger eingestellt ist. Soll ich da mal für Sie anrufen und eventuell reservieren?”
Hmm. Auf den klassischen Caminos finde ich Reservieren zwar eine Unart. Aber das hier ist ja auch kein klassischer Camino! Hier sind keine Pilgerherbergen und es gibt hier auch keine Pilger, denen man eventuell damit Betten wegschnappt. Also nehme ich das Angebot dankend an.
Danach mache ich mich erst mal auf den Weg zu dieser “Gruppenherberge”. Die Frau, die ich dort antreffe, bestätigt, dass ich zu fünfzehnt sein müsste, um die Herberge nutzen zu können. Aber ich könne gern den hier ebenfalls angeschlossenen Campingplatz nutzen. “Danke. Aber ich habe leider kein Zelt dabei.”
“Hmm. Das ist kein Problem. Ich kann ihnen meines geben!”
Mit 15,- € wäre ich dann dabei. Das klingt gar nicht so schlecht! Und eine gute Isomatte hätte ich ja. Trotzdem will ich noch mal in der TouriInfo nach der anderen Unterkunft fragen.

meine Unterkunft für diese Nacht
meine Unterkunft für diese Nacht

Wieder dort angekommen, erfahre ich, dass das Haus gute 3 km außerhalb der Ortschaft liegt und 20,- € kostet. Das ist zwar, gemessen an den letzten Nächten, ein fairer Preis, aber dann wäre ich halt auch etwas ab vom Schuss. Also bedanke ich mich und will gerade wieder gehen, da holt die junge Frau zwei Körbe mit essbaren Kleinigkeiten unter dem Tresen hervor und fragt mich, ob ich davon etwas wolle. Sie erklärt mir die einzelnen Gebäckstückchen, und ich nehme eines davon.
Bevor ich mich endgültig zwischen Zelt und Gite entscheide, soll es erst einmal ein kleines Bierchen geben! Und so sitze ich kurz darauf vor einer netten ursprünglichen Bar und beobachte ein wenig das Treiben dieses beschaulichen Ortes (→ SV).
Danach ist es beschlossene Sache, und ich lasse mir von der netten Dame vom Campingplatz ihr Zelt geben. Als ich dies aufgebaut habe, lege ich mich eine ganze Zeit lang hinein und höre “Die besten zehn Sekunden meines Lebens”.
Gegen 18:00 Uhr ist es endlich an der Zeit etwas essen zu gehen. Fündig werde ich direkt neben der Bar vom Nachmittag. Es handelt sich um eine Art Döner-Imbiss, bei dem es aber auch Pizza und sogar W-Lan gibt.

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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