Camino via Podiensis (Tag 07)

 

Nasbinals → Saint-Côme-d’Olt


 → 26 Kilometer
↑ 922 Meter

Dienstag, der 13.07.2010

 

fotogene Kühe
fotogene Kühe

In der Bar des Restaurants vom Vorabend gibt es bereits meinen Kaffee. Das Sandwich packt die Dame hinter dem Tresen allerdings unaufgefordert ein. Wahrscheinlich denkt auch sie, dass ich nach 8 Uhr schon ziemlich spät dran bin. Von daher ist die Idee auch gar nicht so schlecht. Was sie mir da mitgegeben hat, offenbart sich mir an dem wohl bislang schönsten Pausenplatz, den ich bislang hatte. Ich sitze auf einer Anhöhe unter großen alten Bäumen und blicke auf den zurückliegenden Camino, der sich durch das Tal schlängelt. Und das Sandwich ist dieses Ortes durchaus würdig: Das frische, knusprige Brot ist belegt mit dicken Salamischeiben, die teilweise in 4 Ebenen übereinander liegen. Insgesamt ist das ganze so umfangreich, dass ich es nicht einmal schaffe und den Rest für später wieder einpacke. Schweren Herzens trenne ich mich wieder von diesem idyllischen Ort und setze meinen Weg gut gestärkt fort.
Aber auch die weitere Strecke hält meine Euphorie auf einem hohen Level: Ich laufe fortwährend über einen weichen Wiesenboden durch eine leicht hügelige Landschaft. Aufgelockert wird diese Gegend durch vereinzelte Bäume und kleine Steinhütten. Außerdem bewege ich mich immer wieder durch kleine, sehr fotogene Kuhherden, die, wenn man sich vorsichtig nährt, sehr nette Bilder von sich machen lassen; das alles ist in ein wunderbares, warmes Morgenlicht getaucht.
Meine Kamera knipst sich einen Wolf, da jeder Blickwinkel ein zukünftiges Poster ist. Die sich in mir immer mehr ausbreitende Hochstimmung verlangt sehr bald nach musikalischer Untermalung.

Aubrac
Aubrac

Als ich den historischen kleinen Ort Aubrac erreiche, ist es mal wieder an der Zeit für einen Café au lait – insbesondere hier, da dieser Ort im Mittelalter eigens zum Schutze der Pilger errichtet wurde. Das erklärt eventuell auch das folgende Phänomen: Ich lasse mich vor einem pittoresken aber nicht unedel wirkenden Hotel nieder (→ SV). Bei einer der sehr sympathischen jungen Damen bestelle ich meinen Kaffee, und bekomme diesen nebst Keks und Wasser nach draußen gebracht. Kurz darauf folgt noch unaufgefordert ein Croissant. Und so begebe ich mich später schon fast mit der Kreditkarte im Anschlag zur Kasse. Und dann erwartet die junge Frau mit dem freundlichen Lächeln lediglich 2,- € von mir!
Anderen Ort zahlt man das schon allein nur dafür, dass man draußen gesessen hat.
Ich bin kurz in Versuchung hier zu bleiben.
Wäre ich doch…
Als ich einige Kilometer weiter den Ort erreiche, der heute mein Ziel darstellen soll, erfahre ich kurz darauf, dass die Herberge (→ SV) längst voll ist – zumindest virtuell… Denn im Augenblick ist noch kein Mensch hier. Aber es haben halt diverse Pilger vorab telefonisch reserviert. Das ist eine echte Unart, die auf dem spanischen Camino gar nicht erst möglich ist.
Um die zweite noch vorhandene Herberge zu finden, drehe ich so manche Ehrenrunde durch den Ort, um dann letztendlich auch dort zu erfahren, dass diese demnächst voll sein wird.

Landschaften wie Gemälde
Landschaften wie Gemälde

Ich überlege kurz, mich diese Nacht einfach mal draußen in der Nähe des Campingplatzes niederzulassen und beschließe, das bei einem großen Bier vor einer der Bars zu entscheiden.
Wenn man glaubt alles ist gut, nur weil man weiß, was „ein Bier bitte“ auf Französisch heißt, hat man leider buchstäblich die Bestellung ohne den Wirt gemacht… Es folgt immer mindestens eine Gegenfrage. Zum Glück befindet sich wieder mal ein Englisch sprechender Franzose in meiner Nähe, der mir mit einer Übersetzung aushilft: Als erstes möchte die Dame wissen ob 0,25 oder 0,5 Liter. Wozu lerne ich extra was „groß“ heißt und sage es? Aber damit nicht genug. Es folgt eine weitere Frage, bei der mir aber nicht mal die Übersetzung weiterhilft: Sie möchte die Sorte wissen… „Bringen sie mir einfach die zuerst genante.“ Darauf hin bin ich befreit und bekomme die heiß ersehnte Gerste.
Deren Konsum bleibt nicht ohne Folgen für mich und den weiteren Tagesverlauf. Denn ich bin mir ziemlich Sicher, dass sie meine Entscheidung weiterzuziehen zumindest beschleunigt.
Und so raffe ich meine Sachen zusammen, statte der Touri-Info zwecks Internetzugangs noch einen kurzen Besuch ab und ziehe dann – sehr zum Entsetzen der drei Französinnen, die hier gerade in ein Hotel einchecken, weiter. Nur kurz darauf, gegen 15:00 Uhr, verlasse ich diesen eigentlich recht urigen Ort über eine alte Brücke und ziehe mit einer überraschend hohen Motivation einen kleinen Berg hoch.
Irgendwie scheint mich dieser Beschluss, der eigentlich frustrierenden Bettensituation zu trotzen und noch mal weitere 16 km anzutreten, geradezu zu beflügeln. Obwohl dies unter Umständen bedeuten kann, dass ich dadurch alle gerade neu gewonnenen Bekanntschaften hinter mir lasse. Außerdem ist es alles andere als sicher, dass ich in meinem neuen Ziel ein Bett bekommen werde – erst recht zu der fortgeschrittenen Stunde, zu der ich dort ankommen werde. Und trotzdem bin ich wie euphorisiert. Wahrscheinlich liegt es ein wenig an diesem Gefühl von Freiheit, dass ich völlig ungebunden handeln kann, ohne auf etwas oder jemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Wenn’s mir hier nicht gefällt oder nicht funktioniert, dann laufe ich halt weiter. Außerdem finde ich es auch einfach spannend, wie und wo ich heute enden werde. Ich ziehe es auch nach wie vor in Betracht, das erste Mal draußen zu übernachten.
Nur ein, zwei Kilometer weiter treffe ich auf das ältere Paar, das mir bei meiner Bierbestellung geholfen hat. Auch sie sind offenbar weitergezogen und wollen eventuell draußen schlafen. Nachdem wir ein paar Worte gewechselt haben, ziehe ich voraus.

Häuer wie Gemälde
Häuser wie Gemälde

Einige Zeit später komme ich an einem Feld vorbei, auf dem ein großer Hänger steht. Unter ihm wäre genügend Platz zum nächtigen. Auch die Umgebung und vor allem der Ausblick auf diese sind recht einladend. Aber um sich jetzt bereits niederzulassen, ist es einfach noch zu früh. Wenn ich in so manch einem Dorf schon nicht weiß, wie ich die Zeit herumbekommen soll, was soll ich dann hier erst machen?
Als ich dann zu späterer Stunde einen größeren Waldabschnitt durchquere, habe ich den Eindruck, dass man hier sogar während des Laufens Gefahr läuft, bei lebendigem Leib aufgefressen zu werden. Sich hier irgendwo hinzulegen ist also völlig ausgeschlossen. Einmal sticht mich eine Bremse im Vorbeiflug in die Unterlippe. Zum Glück reagiere ich kaum auf Insektenstiche.
Es ist 19:30 Uhr als ich das malerische Saint-Côme-d’Olt erreiche, in dem ich mein Bett für diese Nacht erhoffe. Im Wanderführer seht, dass man mit diesem Ort eine andere Welt zu betreten scheint, und er verspricht nicht zu viel. Die Häuser aus dem 15. und 16. Jahrhundert sind nahezu unverändert.
Ohne Umwege erreiche ich das ebenfalls sehr alte Gebäude, in dem sich die Herberge befindet (→ SV). Das innere dieses Hauses ist recht eng. Die Räume sind sehr verwinkelt und verschachtelt über alle Etagen verteilt. Ich ziehe gleich nach ganz oben durch, da ich hier die größten Chancen für ein Bett sehe. Und tatsächlich scheinen von den drei Etagenbetten noch alle oberen Liegen frei zu sein. Die einzige Person, die sich hier zur Zeit befindet, ist eine junge Asiatin. Ich frage sie nach den Betten. Sie ist sich nicht sicher und meint, ich müsse dazu am Besten den Herbergsvater fragen, der sich aber inzwischen in irgendeinem Restaurant in der Nähe eines Tabakladens aufhalten soll. Also lasse ich meine Sachen hier, und gucke, ob ich den Herrn mit Hilfe dieser Beschreibung finde.
Es gibt diverse Restaurants. Also lasse ich das Unterfangen sein. Inzwischen ist es 20:00 Uhr und ich habe Hunger. Außerdem sind da ja noch mindestens 2 weitere Betten frei.
Ich kehre in eine Gaststätte ein (→ SV). Da man hier kein Englisch spricht, und ich heute auch keine multilingualen Begleiter habe, ignoriere ich mal einfach die unverständlichen Gerichte mit den außerdem recht saftigen Preisen und bestelle mir simple Spaghetti Bolognese. Zum Glück habe ich keine großen Probleme zu verstehen, dass diese leider aus sind und es stattdessen nur noch die Alternative mit Pesto gibt. Letzteres ließe sich wahrscheinlich mittels chemischer Analysen durchaus ermitteln, aber mit bloßem Auge würde ich doch eher sagen: Das sind mal reine Nudeln ohne alles. Das Glas Rotwein, dass ich mir dazu gönne, hilft mir dies mit Fassung zu tragen. Und einiger Maßen satt werde ich auch.
Einen Herbergsvater treffe ich nicht mehr, und auch die Asiatin ist der Meinung, dass ich mich wohl mit ruhigen Gewissen in einem der Betten niederlassen könne.

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