Camino del Norte (Tag 11)

 

Santander → Requejada


 → 27,8 Kilometer
↑ 127 Meter

Donnerstag, der 02.07.2009

 

wieder im Grünen
wieder im Grünen

Wie Bilbao verfügt auch Santander über einen Flughafen, der sogar von Ryanair angeflogen wird. Dementsprechend steigt die Chance, dass eventuell noch mal ein paar neue Gesichter dazukommen. Und tatsächlich kenne ich gerade mal 2 von den 38 Pilgern, die sich die letzte Nacht mit uns die Herberge geteilt haben.
Das einzige hier zur Verfügung stehende Waschbecken ist das in der Toilette. Trotzdem kann ich dieses erstaunlicherweise ohne Wartezeit in Beschlag nehmen. Mindestens genauso überrascht sind wir, dass wir in der benachbarten Bar unseren Kaffee so ziemlich als einzige einnehmen. Gut, nun machen wir das bereits um kurz nach 7:00 Uhr, womit dies wohl auch mein mit Abstand frühster Camino-Café ist (allein schon deshalb, weil ich sonst immer erst mal einen Ort weiter laufe).
Wie bei jeder größeren Stadt dauert es auch hier wieder eine ganze Zeit, bis wir diese hinter uns gelassen haben.
Der Weg führt uns im Gegensatz zu gestern durch unspektakuläre Landschaften und unscheinbare Orte. In einem davon kehren wir nur kurz in einem kleinen Supermarkt ein und steuern dann eine im Wanderführer empfohlene, wenn auch verbotene Abkürzung an.
Sie führt über eine Eisenbahnbrücke und erspart uns gute 6 km. Und da man in dieser Gegend nicht all zu viel verpasst, und dies doch nach einer willkommenen Abwechslung klingt, beschreiten wir kurze Zeit später die Stahlbrücke und wechseln auf die andere Seite eines Flusses.
Nur ein paar hundert Meter weiter verlassen wir die Gleisanlagen wieder über einen Bahnhof und stellen fest, dass diese Abkürzung wohl doch nicht mehr so inoffiziell ist, da direkt von hier wieder gelbe Pfeile und Muscheln den Weg weisen.
Was wir seit dem Verlassen von Santander nicht mehr gesehen haben, ist eine Bar.
Umso begeisterter sind wir, als wir endlich mitten im Nirgendwo auf eine solche zusteuern. Kurz vor unserem Eintreffen sehen wir noch ein Auto wegfahren und scherzen, dass das bestimmt der Besitzer war. Als wir dann aber durch das nicht verschlossene Holztor in einen Innenhof schreiten und in das Lokal gucken, sehen wir tatsächlich weit und breit keinen Menschen. Keinen Gast. Keinen Besitzer. Wir könnten uns theoretisch selbst bedienen, lassen es aber sein und ziehen verwundert weiter.
Auch den nächsten Ort passieren wir ohne Einkehr. Erst bei einer kleinen Siedlung an einer Fernstraße werden wir endlich fündig. Und auch wenn unser Ziel nicht mehr all zu weit ist, lassen wir uns hier noch mal nieder.

Mogro
Mogro

Ab hier führt der Weg direkt an einer doppelten Pipeline entlang (→ SV), deren Ursprung unschwer zu erahnen ist, denn weit vor uns im Tal ist eine monströse Fabrik zu erkennen, auf die wir geradewegs zusteuern.
Als wir endlich an einem Wegweiser mit der Aufschrift Albergue ankommen, der hier vom Weg nach links weist, holt uns ein älterer Spanier ein, der uns darüber aufklärt, es würde mehr Sinn machen noch geradeaus weiter zu gehen. Also folgen wir ihm und seinem Rat. Als wir dann fast bei der Fabrik und im nächsten größeren Ort angekommen sind, stellt sich aber heraus, dass er wohl auch nicht so genau Bescheid weiß und sich ebenfalls durchfragen muss.
Und so gehen wir auf einer Landstraße ein ganzes Ende zurück, bis wir vor einem völlig unscheinbaren Gebäude, dass man eher für einer Gartenlaube (→ SV) halten könnte, ankommen. Hier dürften wir uns schätzungsweise auch wieder auf der Höhe des Wegpunktes befinden, an den der Wegweiser uns vor knapp einer Stunde hatte leiten wollen…
An der verschlossen Tür erfahren wir, dass wir den Schlüssel an der Bar gegenüber abholen müssen (→ SV). Wir klingeln an einem Wohnhaus, dass nun wirklich keine Bar vermuten lässt – wenn man mal von dem alten Schild an der Außenwand absieht. Als uns eine ältere Dame einlässt sehen wir aber, dass dieses Haus wohl durchaus mal als Bar gedient hatte, denn hier steht ein offensichtlich länger nicht mehr genutzter Tresen. Die Frau gibt uns die Schlüssel und ein paar Einweisungen, sowie den Hinweis, dass man hier etwas essen könne. Wir sind noch unschlüssig und gehen erst mal wieder über die Straße zu unserem heutigen Domizil.
Das wirklich rekordverdächtig kleine Gebäude verfügt über zwei Schlafräume mit jeweils einem Dreistockbett und einem kleinen Vorraum. Aber alles ist recht liebevoll und gepflegt rustikal.
Als wir uns eingenistet haben setzen Olli und ich uns mit je einer Dose Bier vor das Häuschen und studieren das sehr unterhaltsame Gästebuch, während der Spanier seine Füße mit irgendwelchen offenbar selbst gesammelten Kräutern behandelt.
Später beschließt Olli, noch mal in den Ort zurückzulaufen, und ich raffe mich auf, im Alleingang das Angebot zum Essen gegenüber anzunehmen. Und so sitze ich kurz darauf einsam an einem Tisch in einem etwas größeren, spartanisch möblierten Essraum, und die Frau, die weder englisch noch deutsch kann, serviert mir zunächst drei kleine frittierte Fischfilets, dann ein paar Pommes mit zwei Spiegeleiern und zum Nachtisch einen Pfirsich. Nicht zu vergessen die obligatorische Flasche Rotwein.
Ich bin schon etwas erstaunt, da in dem zuvor studierten Gästebuch immer wieder zu lesen war, dass das Essen hier sehr gut und reichlich sei. Das einzige, was dann aber wirklich recht üppig ist, sind die 10,- € , die das ganze kostet.
Da habe ich aber für 7,- € schon ganz anders diniert!
Zu späterer Stunde sitzen wir noch zu dritt draußen vor der inzwischen vollen Herberge. Der dritte im Bunde ist der buchstäblich etwas abenteuerlich anmutende Bayer, Albert, den wir schon vor der Herberge in Santander trafen. Sein Alter ist schwer einzuschätzen. Ich würde sagen, so um die 40 +/- 5 Jahre. Er ist kahlköpfig, überseht mit Tattoos, trägt riesige Ohrringe, die sein Ohrläppchen „tunneln“ und scheint sehr nett zu sein. Wir reden so über dies und das, als plötzlich der junge Spanier mit seinem Hund wieder auftaucht. Dieser hatte am Nachmittag ein tschechisches Paar zu uns gelotst. Danach war die Herberge voll. Bei nur sechs Betten ist es eigentlich ein Wunder, dass bei 38 Startern am Morgen, hier keiner weitergeschickt werden musste.
Dieser Spanier jedenfalls möchte kein Bett sondern irgendetwas anderes. Allerdings ist er nicht in der Lage uns dies zu vermitteln. Wir verstehen Dinge wie Email oder Internet, aber wir versichern ihm, dass wir ihm damit hier nicht dienen können. Dann auf einmal zeigt er uns sein Notebook und einen UMTS-Stick. Nun verstehen wir gar nichts mehr. Dann habe ich die Idee, mit ihm online zu gehen und eine Übersetzungsseite aufzusuchen. Gesagt getan. Also tippe ich „Was möchtest Du“ ein und lasse es übersetzen. Aber erstaunlicher Weise begreift er nicht, dass dies eine ernst gemeinte Frage ist und tippt nur seinen Namen und den seines Hundes ein. Irgendwann gebe ich auf und kurze Zeit später zieht er leicht bedröppelt von dannen. Wir rätseln noch ein wenig über diese „Erscheinung“ und kommen zu dem Ergebnis, dass er wohl leicht einen über den Durst getrunken hat und ziehen uns in unsere Betten zurück.

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