Camino del Norte (Tag 22)

 

Soto de Luiña → Cadavedo


 → 24 Kilometer
↑ 172 Meter

Montag, der 13.07.2009

 

Meerblick
Meerblick

Normalerweise mache ich mir ja keine Gedanken über das Bekommen eines Bettes, aber da heute Nacht am Ende mindestens noch mal so viele Personen im Flur und draußen auf der Veranda übernachteten wie im eigentlichen Schlafsaal und mein nächstes Etappenziel gerade mal über 8 Betten und ein paar Matratzen verfügt, rechne ich zumindest mal aus, wie viele Radpilger diese Nacht dabei waren, denn die fahren ja wohl noch etwas weiter. Unterm Strich kommt aber nach wie vor nichts wirklich Beruhigendes heraus. Interessanterweise macht mich das aber kein bisschen nervös. Ich habe jetzt insgesamt gute 1.400 km Camino hinter mir und bis jetzt habe noch ich immer ein Bett bekommen.
Also lasse ich mir auch heute wieder Zeit. Was mich viel mehr beunruhigt: Die Straße, der ich heute ausschließlich folge, ist durch eine modernere Variante hoch über mir entlastet worden. Das allein ist natürlich alles andere als unangenehm, auch wenn sie dadurch schon ein wenig wie eine Geisterstraße wirkt. Es fährt hier wirklich kein einziges Auto mehr. Aber genau das führt halt auch zu einem Problem: Sämtliche Infrastruktur ist mit ihr gestorben. Alle Bars und Hotels im nächsten Dorf sind mal gewesen. Naja, fast alle. Etwas abseits entdecke ich dann doch noch ein Hotel mit einer Bar.
Als ich diese betrete, sitzen da die drei jungen Spanierinnen, die gerade im Aufbruch sind. Ich bestelle mir einen Café con leche grande. „Grande“ betone ich sogar dreimal, trotzdem bekomme ich nur eine kleine Tasse. Ansonsten gibt es leider nichts. Soviel zum Frühstück! Als ich sehe, dass das junge deutsche Pärchen, das ich einige Zeit zuvor bereits überholte, die Straße passiert, stelle ich mich möglichst gut sichtbar in die Tür der Bar, damit die Beiden, die Chance haben, diese zu entdecken. Der Plan geht auf. Die Frau sieht mich, macht ihren Begleiter darauf aufmerksam und sie drehen um und kehren ebenfalls ein.
Wie sich herausstellt, ist sie gar keine Deutsche sondern kommt aus Dänemark. Er hingegen lebt im Ruhrgebiet, und beide haben sich im letzten Jahr auf dem Camino Francés kennengelernt. Wir verstehen uns auf Anhieb sehr gut und ziehen gemeinsam weiter.

Siedlung am Meer
Siedlung am Meer

Im nächsten Dorf finden wir dann auch eine Bar, die uns etwas zu Essen gibt.
Die Beiden müssen aufgrund eines sehr strammen Zeitplanes ein ziemliches Etappentempo vorlegen. Gestern sind sie gute 45 km gelaufen! Von daher beschließen sie, eine Pension noch hinter meiner geplanten Herberge zu nehmen, und wollen diese von hier aus bereits reservieren. Sie fragen mich, ob ich auch mit da unterkommen möchte. Ich überlege kurz, da das Angebot wirklich verlockend ist. Wer weiß, wann ich wieder auf Leute stoße, mit denen es so kurzweilig zugeht. Aber ich sage, dass ich es von der Bettensituation in „meiner“ Unterkunft abhängig machen möchte.
Wir ziehen weiter und sind pausenlos im Gespräch vertieft, albern herum und ehe wir uns versehen, kommen wir in dem Ort an, der mein Ziel darstellen soll. Also kehren wir noch mal in einer Bar ein und essen noch eine Kleinigkeit. Danach sind es nur noch wenige hundert Meter, und wir erreichen eine weitere Einkehrmöglichkeit, vor der bereits Iris, Roberto und José sitzen. Sie berichten mir, dass noch genau ein Bett frei sei. Da die Herberge noch ein paar hundert Meter weiter liegt (→ SV), und sich das ja inzwischen auch schon geändert haben kann, begleiten mich Birgitte und Markus noch bis dahin, um abzuwarten, ob ich hier unterkomme. Ja, es ist noch nach wie vor ein Bett frei. Erstaunlich! Immerhin glaubte ich, so ziemlich als letzter unterwegs gewesen zu sein. Also heißt es leider, schon wieder Abschied zu nehmen. Wir tauschen noch schnell unsere Mailadressen aus, und dann ziehen die Beiden weiter. Sehr schade!
Anschließend haue ich mir kurz aufs Ohr, da ich aber nicht schlafen kann – und eigentlich auch gar nicht will, drehe ich eine Runde durch den Ort, kaufe mir in einem kleinen Laden einen Trinkyoghurt und komme dann wieder auf dem Rückweg an der Bar vorbei, vor der immer noch Iris & Co. sitzen. Sie fragen mich, ob ich in der Herberge für sie ihre Pilgerpässe abstempeln lassen und die Übernachtungskosten auslegen kann. Die Verwalterin soll angeblich innerhalb der nächsten Stunde kommen. Und wenn ich sowieso da wäre, müssten nicht alle dort ausharren. Ich kassiere die Pässe und ziehe weiter zur Herberge. Inzwischen sind eindeutig mehr Pilger versammelt, als es Betten gibt, und alle warten ebenfalls auf die Herbergsmutter.
Ich bekomme problemlos meine Stempel und verziehe mich wieder. Für die anderen werden die ersten losen Matratzen klar gemacht.

Später sitzen wir alle gemeinsam vor der Bar, und ich bestelle mir zusammen mit einem älteren Herrn ein Menü. Ich erfahre von ihm, dass er bereits in Deutschland gestartet und dementsprechend bereits seit April unterwegs ist. Außerdem erzählt er mir, dass dies für seine vor gut zwei Jahren verstorbene Frau macht.
Etwas später zieht er sich in ein Hotel zurück. Ebenfalls von dort kommen die drei Spanierinnen, die sich jetzt zu uns an die Tische gesellen.
Eine ganze Zeit lang wird nur Spanisch gesprochen, und ich staune, wie wenig man verstehen kann, wenn einem der Zusammenhang fehlt.
Irgendwann ziehen sich Iris & Co. zurück in die Herberge, und ich sitze noch eine Weile mit den Spanierinnen da.
Kurze Zeit später kehre auch ich in die Herberge zurück, die so voll ist, dass die Schule letzte Nacht dagegen fast wie ausgestorben wirkte. Und in dem Bett, in dem anfangs noch Iris untergekommen war, liegt jetzt eine andere Frau. Dafür scheint Iris jetzt unten bei Renato zu schlafen. Ich bin froh, dass ich mein Bett für mich habe.

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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