Camino del Norte (Tag 35)

 

O Pedrouzo → Santiago de Compostela


 → 20,9 Kilometer
↑ 90 Meter

Sonntag, der 26.07.2009

 

sehr frühes Santiago
sehr frühes Santiago

Ehrlich gesagt überrascht es mich nicht, dass ich kurz nach 2:00 Uhr startklar im großen Gemeinschaftsraum der Herberge stehe. Wir trinken noch einen Tee und essen ein paar Kleinigkeiten, und dann verlassen wir die noch völlig stille Herberge in die nächtliche Dunkelheit. Draußen schließen sich uns noch Ray und Melissa an, die sich ebenfalls gestern zu diesem Projekt haben überreden lassen.
Und so startet eine Gruppe von 6 sehr gut gelaunten Pilgern ihre letzte Etappe nach Santiago.

Nachdem es in den letzten Wochen teilweise ein Problem war, gegen 8:00 Uhr schon eine offene Bar zu finden, sind hier im Ort gleich mehrere schon oder noch(?) geöffnet.
Aber wir ignorieren sie, verlassen die Stadt und tauchen ein in den angrenzenden und natürlich stockfinsteren Eukalyptuswald. Ohne unsere Taschenlampen würden wir keinen Schritt vorankommen. Von daher wundert es nicht, das sich eine aufgekratzte Nachtwanderstimmung breit macht. Dies äußert sich vor allem im singen von Partyliedern – vorzugsweise denen von Queen.
Ich kann diese Laune zwar sehr gut nachvollziehen, lasse mich aber leider nicht davon anstecken und beschließe, diesen letzten Tag doch lieber noch mal in eher ruhiger Form zu begehen. Dazu ist es logischer Weise nötig, mich von diesem „Schulausflug“ zu lösen. Also ziehe ich das Tempo an. Ich höre noch ausgerechnet Thomasz, der es ja in der Vergangenheit noch öfter vorzog seine Ruhe zu haben, hinter mir her rufen. Ich heben nur winkend den Arm und rufe „See you in Santiago!“ zurück, und schon bald gesellt sich zur Dunkelheit auch noch eine absolute Stille.
Aber obwohl ich kaum etwas sehen kann, kommt mir die heutige Strecke, im Gegensatz zu der gestrigen, sehr vertraut vor.
So gegen 3:30 Uhr passiere ich den Santiagoer Flughafen, der ebenfalls noch ganz still ist. Ich hoffe, dass die Bar, die man nach seiner Umrundung erreicht, und vor der ich letztes Jahr bereits frühstückte, vielleicht schon offen hat. Und in der Tat sehe ich aus einiger Entfernung, dass da, wo ich das Gebäude vermute, ein beleuchteter Eingang schimmert. Offenbar trägt jemand dort Mülltüten nach draußen. Als ich das Haus erreiche, steht die Tür tatsächlich offen und ich betrete die Bar. Es ist aber niemand zu sehen. Dafür läuft der Flachbildschirm an der Wand. Allerdings sind da weder der Shoppingkanal, das Wetter oder Musikvideos zu sehen, sondern Sport – und zwar der der etwas intimeren Art, mit sehr viel Liebe zum Detail… Viel Zeit für meine Verwunderung habe ich allerdings nicht, denn kurz nach mir betritt auch der Wirt den Laden. Ohne auf das Geschehen im Fernsehen einzugehen fragt er mich, was ich haben möchte. Ich bestelle mir ein Bocadillo mit Käse.
Ich bevorzuge, dass Brot draußen auf dem Weiterweg zu essen – allein schon, damit mich die anderen noch nicht wieder einholen.
Von nun an sind es noch gute 10 km, die zwischendurch immer wieder erstaunlich ländlich werden. Teilweise sieht man ohne die Taschenlampe seine Hand vor Augen nicht, und logischer Weise treffe ich weiterhin auf keinen Menschen. Wenn ich bedenke, in welch zahlreicher Gesellschaft ich letztes Jahr in Santiago eintraf, war es wirklich eine gute Idee, dieses Mal das Ziel bei Nacht anzulaufen. Gestern hatte ich gerade erfahren, dass hier im Moment über 1.200 Pilger am Tag eintreffen. Und heute werde ich aller Voraussicht nach der Erste sein.
Was ich gestern ebenfalls noch erfuhr: Sara soll bei der Herberge Monte del Gozo untergekommen sein. Genau diese werde ich demnächst passieren. Und da sie ja ihr Zelt einer Herberge durchaus vorzieht (vermutlich erst recht bei dieser Massenunterkunft), ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie hier irgendwo draußen nächtigt. Und tatsächlich steht da in einer Art Parkanlage ein kleines Zelt am Wegesrand, an dem ich leise vorbeiziehe.
Inzwischen ist es 5:00 Uhr und erstaunlicherweise immer noch kein Licht am Himmel.
Als ich gerade ein kleines Waldstück durchlaufe, bemerke ich plötzlich, wie mir jemand oder etwas über den Unterarm streicht. Für einen Augenblick bleibt mir das Herz stehen, aber dann erkenne ich, dass mir einfach nur der Ärmel meiner Regenjacke vom Rucksack geräuschlos runtergesackt ist.
Um 5:30 Uhr erreiche ich das Papstdenkmal. Von Menschen und Licht ist immer noch keine Spur.
Daran ändert sich auch kaum etwas, als ich an der Hauptstraße entlang in die Stadt eintreffe. Ab und zu zieht ein Auto an mir vorbei, und die Straßenlaternen machen meine Taschenlampe überflüssig. Im Gegensatz zum letzten Jahr gibt es jetzt inzwischen in den Boden eingelassene Bronzemuscheln, die mir den Weg weisen.
Als ich das Altstadtzentrum erreiche, stelle ich zu meiner Erleichterung fest, dass von den Feierlichkeiten nichts mehr zu sehen ist – nicht mal irgendwelcher Müll. Allerdings bemerke ich ebenfalls, dass ich vorm Ankommen bei der Kathedrale noch mal eine Bar aufsuchen sollte. Was zum Glück überhaupt kein Problem darstellt.
Ich bestelle mir meinen letzten Café con leche des Weges und nehme an einem der Tische Platz. Hier trifft man dann doch schon auf einige Menschen. Vermutlich die letzten Nachtschwärmer.
Danach gilt es, nur noch einige hundert Meter durch die Altstadt zu laufen, und dann stehe ich wieder vor dem steinernen Tor, durch das man auf den großen Platz vor der Kathedrale tritt.
Nur werde ich es dieses Mal völlig allein tun, und es steht auch ein Dudelsackspieler da, der dies begleitet.

Kathedrale von Santiago am frühen Morgen
Kathedrale von Santiago am frühen Morgen

Es ist 6:40 Uhr, als ich mich schon fast obligatorisch an einer der Arkaden niederlasse, von denen man über den menschenleeren Platz auf das Wahrzeichen Santiagos blickt (→ SV).
Nur ein paar Zeltpavillons sind noch von den Feierlichkeiten stehen geblieben. Ein kleines Reinigungsfahrzeug dreht seine Runden über das unebene Pflaster und erst jetzt ist der erste Lichtschimmer am Himmel zu erkennen. Von „meinen“ Leuten ist hingegen weit und breit noch nichts zu sehen. Dafür ziehen vereinzelt Pilger über den Platz, die offenbar gerade aufgebrochen sind, um ihren Weg nach Finisterre anzutreten.
Was mich im Moment am meisten beschäftigt: Was mache ich bloß die jetzt noch verbleibenden vier Tage? Nach Finisterre will ich nach wie vor nicht. Und wie Sara nach Faro zu laufen, reizt mich auch irgendwie nicht mehr.
Erst gute zwei Stunden nach meiner Ankunft sehe ich, wie auch die anderen den Platz durch das Tor betreten. Keine Ahnung, wofür die solange gebraucht haben. Sie entdecken mich und gesellen sich zu mir.
Nachdem sich alle akklimatisiert haben, ziehen wir gemeinsam weiter zum Pilgerbüro (→ SV). Die Schlange davor ist noch sehr übersichtlich. Wir erhalten unsere Compostela und begeben uns danach in eine benachbarte Bar und bestellen einige Kleinigkeiten. Wir sind alle ganz schön kaputt.
Ich beschließe, mein Glück bei der Herberge zu versuchen, vielleicht lässt man dort ja schon jemanden rein (→ SV). Man lässt. Allerdings verlangt die Dame da hinter dem Schreibtisch inzwischen satte 12,- € anstatt der 5,- € die ich in Erinnerung habe, und die auch so in meinem Buch stehen. Leider habe ich aber vorerst nur noch 6,- € bei mir. Also mache ich eine Reservierung klar und stelle meinen Rucksack schon mal dort unter. Als ich das Gelände verlasse, wird direkt hinter mir das Tor verschlossen, da eigentlich erst ab 13:00 Uhr Einlass ist.

Oldtimertreffen
Oldtimertreffen

Also mache ich mich auf die Suche nach einem Geldautomaten. Dabei komme ich auch an der Bar vorbei, in der wir vorhin noch saßen. Und tatsächlich steht der ganze Trupp immernoch davor. Zu meiner großen Überraschung entdecke ich aber zudem noch Sara. Es folgt ein herzliches Wiedersehen.
Wir brechen alle gemeinsam auf, um irgendwo etwas zu essen.
Sara und ich laufen nebeneinander, und sie fragt mich plötzlich – nein, sie suggeriert mir: „Und? Du kommst doch mit nach Finisterre!?“
Aber ich antworte wahrheitsgemäß, dass das nicht mein Plan ist, ich allerdings auch noch keine Alternative weiß. Dann frage ich verwundert: „Ich dachte, Du wolltest nach Faro..!?“
„Nö, ich hab‘s mir anders überlegt. Los! Komm mit!“
Ich ziere mich weiterhin, was nicht gespielt ist.
Trotz dieses netten Wiedersehens ist meine Laune, dank extremen Hungers, kaum noch zu unterbieten. Aber der Weg zu dem Restaurant zieht sich noch erstaunlich lange hin. Zum einen ist die Stadt inzwischen zum Bersten voll. Grund dafür ist unter anderem eine Oldtimerparade. Zum anderen treffen wir weitere Pilger. Ich persönlich kenne die meisten davon nicht, doch für die anderen sind da offenbar so einige alte Bekannte dabei.
Im Restaurant sitzen Sara und ich uns gegenüber. Sie fragt mich, ob ich auch mit in das Kloster komme, in dem sie alle übernachten wollen. Ich erzähle ihr von meiner Reservierung. Aber wenn bei denen noch etwas frei sein sollte, werde ich die einfach umdisponieren.
Also folge ich der Mannschaft zu dem Kloster (→ SV). Obwohl es nur ca. 30 Matratzen gibt, kommen wir alle unter.

Kloster San Francisco
Kloster San Francisco

Die Nonnen und Mönche, die allesamt noch sehr jung sind, haben eine unglaublich warme und freundliche Ausstrahlung.
Wir fühlen uns alle sofort wohl, und ich mache mich umgehend auf den Weg zur städtischen Herberge, um meine Sachen von dort zu holen.
Erstaunlich, wie so kleine Begebenheiten wie eine plötzlich zu teure Herberge den weiteren Lauf der Dinge komplett verändern können.
Als ich wieder im Kloster bin, erfahre ich, das Sara ihre Compostela noch gar nicht hat. Außerdem weiß sie auch nicht, wo sich das Pilgerbüro befindet. Also biete ich ihr an, sie dahin zu begleiten. Nur wenige Minuten später schlendern wir beide durch das nach wie vor sehr belebte und sonnige Santiago.
Als sie ihre Urkunde, für die wir nicht mal anstehen mussten, in den Händen hält, fragt sie mich, ob wir noch irgendwo etwas trinken gehen wollen.
Und so sitzen wir nach einer ausgiebigen Suche, nach einer geeigneten Bar vor einer solchen, trinken ein Bier und essen eine kleine Tortilla.
Wir kommen wieder auf das Thema Finisterre. Nach einigem Hin und Her gebe ich nach und höre mich sagen, dass ich diesen Weg nur dann noch mal gehen werde, wenn ich mir ihrer Gesellschaft sicher sein kann. Denn ich möchte auf keinen Fall am Ende allein in der kleinen Hafenstadt sitzen, Trübsal blasen und mir meine doch recht schönen Erinnerungen an diesen Ort versauen.
Sie verspricht es mir. Als wir fertig sind, fragt sie mich, ob wir noch woanders einkehren wollen – eventuell auch um etwas zu essen.
Wir bekommen noch zwei Plätze an einer Tapas-Bar, was im letzten Jahr ein Ding der Unmöglichkeit war!
Als wir gerade unsere Zusammenstellung an verschiedenen bunt belegten Tellern bekommen, fällt uns siedend heiß ein, dass das Tor zum Kloster ja um 21:00 Uhr geschlossen wird. Es ist 20:50 Uhr!
Also schlingen wir alles schnell herunter und ziehen zügigen Schrittes zurück zur Herberge. Unterwegs treffen wir noch auf Ray und Melissa, die noch keine Bleibe haben und sich uns anschließen.
Wir haben Glück: Das Tor ist noch offen. Und auch Ray und Melissa kommen noch unter, obgleich eigentlich alles längst voll ist.
Kurze Zeit später nehmen wir alle an einer ganz besonderen, privaten Pilgermesse teil. Die Nonne erzählt auf englisch ein wenig über den Camino, das Leben und das Miteinander. Es wird gesungen und von einigen bereits am Nachmittag auserwählten Pilgern symbolisch ein Fuß gewaschen. Dies hat, wie einige andere Rituale, sicher auch eine etwas komische Note, aber insgesamt verleben wir hier alle einen warmen und sehr atmosphärischen Abschluss unseres Caminos.
Im Anschluss daran setzen einige sich noch nach draußen auf den Hof. Auch ich sitze da noch ein wenig mit Tomasz und Ray, ehe wir uns auf unsere Matratzen zurückziehen.

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