Camino del Norte (Tag 39)

 

San Roque → Cap Finisterre → Santiago de Compostela


 → 15,5 Kilometer
↑ 130 Meter

Donnerstag, der 30.07.2009

 

Finisterre in Sichtweite
Finisterre in Sichtweite

Es ist 8:30 Uhr, als wir die definitiv letzte Etappe dieses Caminos starten. Und es wird dieses Mal auch keine „Gnadentour“ nach Muxía oder sonst wohin geben. Da mein Flieger bereits morgen Mittag startet, werde ich noch heute den Bus von Finisterre zurück nach Santiago nehmen.
Aber noch etwas macht die heutige Tour außergewöhnlich: Wir haben unser Ziel von Anfang an vor Augen. Im Grunde gilt es nur noch, eine größere Bucht zu umrunden, und dann sind wir auch schon angekommen. Allerdings muss ich vorher unbedingt noch etwas essen. Da Sara und Marc noch keinen Hunger haben, ziehen die beiden schon mal weiter, und ich kehre im nächsten Ort allein in eine der Bars ein. Natürlich dauert die Zubereitung meines letzten Bocadillos dieses Mal ungewöhnlich lange. Genau genommen war es nur die Vernunft, die mich dazu trieb, noch etwas Nahrung zu mir zu nehmen. Dass ich Hunger habe, kann ich eigentlich nicht gerade behaupten, und so packe ich die Hälfte meines Brotes ein und breche wieder auf.
Natürlich ziehe ich mein Tempo an, um die Beiden noch möglichst vor dem Erreichen des Strandes von Finisterre wieder einzuholen, was aufgrund der nur noch sehr geringen Entfernung eine kleine Herausforderung ist. Und wie das bei Actionfilmen immer wieder gern genommene Entschärfen einer Bombe in letzter Sekunde, erreiche ich Sara und Marc genau in dem Augenblick, als sie die Treppe betreten, die hinab zum Strand führt (→ SV). Allerdings hatten sie eh gerade beschlossen, hier auf mich zu warten. Und so betreten wir gemeinsam die lang gezogene abermals fast menschenleere Bucht von Finisterre. Dementsprechend folgt von mir nur noch ein: „Also, ab ins Wasser!“ Aber die Beiden zieren sich noch etwas. Sara fragt: „Jetzt?“
„Natürlich jetzt! Wir sind angekommen! Und ein „später“ wird es auch kaum geben…“
Das habe ich kaum ausgesprochen, da ziehe ich mir die Klamotten vom Körper und sprinte in die Fluten des Atlantiks.
Kaum schwimme ich im kühlen Nass, da folgen auch Sara und Marc. Anschließend machen wir noch einige Fotos von uns und ziehen dann bald weiter den Strand entlang.

Finisterrepanorama
Finisterre-Panorama

Sara macht sich auf die Suche nach Jakobsmuscheln und wird sogar fündig. Dementsprechend motiviert halte auch ich Ausschau nach diesem Wahrzeichen des Caminos und habe ebenfalls Erfolg. Meine Muschel hat sogar genau an der Stelle, an der man ein Band durchziehen würde, ein Loch. Sara lässt mich ihre Missgunst darüber deutlich spüren und ich freue mich, da ich jetzt ein Geschenk für sie habe, das ich mir aber bis zum Cap aufhebe. Bis dahin ziehe ich sie noch wenig damit auf.
Gleich am Ortseingang von Finisterre besorgt Sara noch eine Flasche Sangria fürs Cap und bringt jedem von uns einen Trinkyoghurt für unterwegs mit. Danach steuern wir die Herberge an (→ SV). Allerdings machen wir dies nur, um uns dort die Compostela von Finisterre abzuholen und unsere Rucksäcke zwischen zu lagern. Selbst Sara, die nun beschlossen hat, hier noch eine Nacht zu bleiben, checkt nicht ein, da sie wegen Libero eh nicht unterkommen würde. Anschließend suchen wir ein mir bereits wohlbekanntes Café auf, das über einen Internetzugang verfügt, den wir alle nutzen.
Als wir damit durch sind, machen wir uns auf den Weg zum Cap. Noch innerhalb der Stadt suche ich einen Supermarkt auf, in dem ich endlich die „Tarta de Santiago“ bekomme, die Isabell eigentlich eher im Scherz als Souvenir bei mir bestellt hatte.
Nur kurz vor dem Cap zieht ein Auto an uns vorbei, das plötzlich hupend hinter uns zum Stehen kommt. Darin sitzen Ray und Melissa. Es folgt ein allgemeines großes Wiedersehen und bald darauf die endgültige Verabschiedung. Dann fahren die beiden davon – am Steuer Melissas Bruder, der hier in Galizien wohnt. Danach sind es nur noch wenige Meter, und wir erreichen den Monolithen mit der Inschrift 0,00 km.
Diesen hatte ich im letzten Jahr ganz versäumt aufzusuchen.
Zwar ist die Wahrscheinlichkeit für einen Sonnenuntergang, den man hier üblicherweise zum Abschluss mitnimmt, gegen 14:00 Uhr eher niedrig, aber wir setzen uns trotzdem auf einen Felsen an der Westseite des Caps (→ SV).
Als Marc noch eine kurze Runde durch den Hang dreht gebe ich Sara die Muschel.

noch zu früh für einen Sonnenuntergang
noch zu früh für einen Sonnenuntergang

Wir leeren zu dritt den Sangria und suchen dann zwischen den Felsen auf der Ostseite eine möglichst windstille Nische zwischen den Felsen, um etwas von unseren Sachen zu verbrennen. In diesem Jahr muss auch von meinen Klamotten etwas dran glauben: meine Socken.
Um 16:45 Uhr fährt der Bus, den Marc und ich nehmen müssen. Also machen wir uns zügig, aber ohne Hast auf den Rückweg.
Wir holen noch unsere Rucksäcke aus der Herberge und kommen nur ein paar Minuten vor unserer Abfahrt beim Bus an.
Zuerst verabschiedet sich Marc von Sara und dann ist auch für mich an der Zeit, tschüss zu sagen. Sie öffnet ihre Arme mit den Worten „Come here, stupid Deutscher!“ Wir umarmen uns herzlich, ich drücke ihr einen Kuss auf die Wange. Und ich gehe mal davon aus, dass das da in Saras Augen keine Freudentränen sind. Dann steigen wir in den Bus, der nur kurz darauf abfährt.
Marc und ich sitzen hintereinander. Wir reden kein Wort.

Kathedrale von Santiago
Kathedrale von Santiago

Als wir gegen 19:00 Uhr den Busbahnhof in Santiago verlassen, machen wir beide uns auf den Weg zum uns bereits bekannten Kloster. Natürlich ist dieses bereits voll, aber die junge Nonne meint, wir sollten noch auf Schwester Anna warten, die könnte dann entscheiden, ob es da noch eine Möglichkeit gäbe. Da das aber noch etwas dauern kann, ziehen Marc und ich noch mal los. Er will die Bahnfahrzeiten für morgen in Erfahrung bringen, und ich sehe zu, dass ich noch ein offenes Postamt finde, in dem ich den Kuchen für Isabell auf den Weg bringen kann.
Ich habe Glück. Als ich um ziemlich genau 20:00 Uhr die Post erreiche, kann ich mein Paket tatsächlich noch für über 12,- € auf den Weg nach Deutschland schicken. Danach mache ich mich auf den Rückweg und beschließe, meine Sachen zu holen, um dann die große Herberge aufzusuchen. Eventuell hat die ja noch freie Betten.
Als ich das Kloster betrete, ist auch Schwester Anna inzwischen zurückgekehrt. Sie erkennt mich wieder und begrüßt mich sehr herzlich. Ich frage sicherheitshalber noch mal, ob noch etwas frei sei, was sie erwartungsgemäß nicht bestätigen kann. Sie guckt mich an und sagt: „Du bist traurig!?“
Meine Reaktion darauf kommt einer klaren Antwort gleich. Sie nimmt mich erneut in die Arme und führt mich dann plötzlich nach draußen auf den Hof, wo ein anderer Pilger sitzt, der offenbar ebenfalls nicht so ganz glücklich ist. Sie stellt uns einander vor. Es stellt sich heraus, dass er ebenfalls Deutscher ist. Wir reden kurz miteinander. Er fragt mich, ob ich auch noch nach Finisterre gehe. „Nein, ich komme gerade von dort zurück. Mein Camino ist heute zu Ende.“
Ich muss zusehen, dass ich zur Herberge komme. Also verabschiede ich mich wieder von ihm, gehe noch kurz zur Schwester Anna und bitte sie noch, Sara zu grüßen, da ich weiß, dass diese auch wieder hierher kommen wird. Außerdem solle sie Marc bitte ausrichten, dass ich zur städtischen Herberge gegangen bin. Dann ziehe ich los.
Es gibt tatsächlich noch reichlich freie Betten (→ SV). Ich richte mich kurz ein und verlasse das Gebäude, in dem ich im letzten Jahr noch so viele Bekannte hatte, direkt danach wieder, um noch etwas essen zu gehen.
Also suche ich noch schnell eine mir bereits bekannte Bar auf, die sich in der Nähe der Herberge befindet und esse noch ein Bocadillo.
Anschließend mache ich mich auf den Rückweg und falle direkt in mein Bett.

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