Camino Francés (Tag 10)

 

Azofra → Belorado


 → 38,4 Kilometer
↑ 154 Meter

Samstag, 10.05.2008

 

feuchte Weiten
feuchte Weiten

Am Vorabend gab Rainer zu, dass er ein absoluter Schnarcher sei. Er log nicht. Und heute fällt mir ein, dass er ja auch in Logroño bereits in unserem Saal lag… Nur nächtige ich dieses Mal mit ihm Bett an Bett! Und hier gibt es keine Fluchtmöglichkeiten!
Irgendwann gegen 4 Uhr hat er dann plötzlich ein Erbarmen mit mir und stellt seine Abrissarbeiten an meinen Nerven ein. Das Einzige, das man nun noch hört, das ist der Regen, der leise gegen das Fenster prasselt.
Dieser begleitet uns später auch alle in das Restaurant, in dem wir schon zu Abend aßen. Entgegen meines sonst üblichen Tagesablaufes, nehmen wir bereits hier unser Frühstück ein. Ebenfalls neu ist der Tausch Café con leche gegen eine heiße Zitrone…
Wie sonst auch lasse ich mir viel Zeit bei meiner ersten Nahrungsaufnahme. Von daher sind die anderen schon lange weg, ehe auch ich mich auf den Weg mache.
Es regnet weiterhin und sieht auch absolut nicht danach aus, als würde sich das zeitnah ändern. Der Boden ist schon lange nicht mehr in der Lage Wasser aufzunehmen, und so wird das Laufen zum Balanceakt zwischen den Pfützen oder an der Wegkante.
Ich beschließe, mir für heute Nacht eventuell doch mal ein Zimmer zu nehmen, um dann dort warm duschen und vor allem mal richtig schlafen zu können. Vielleicht kann ich meiner angehenden Erkältung damit ja etwas entgegenwirken.
Während ich in den vergangenen Tagen ja immer wieder bestrebt war, mich aus dichteren Pilgerfeldern zu lösen, hoffe ich heute, mir bereits bekannte Gesichter anzutreffen. Insbesondere Alexandra, da ich mich mit ihr doch sehr gut verstehe und sie vor allem nur noch heute unterwegs ist. Für sie endet der Camino nämlich am nächsten Tag, und sie wird von ihrem Mann und einigen Freunden hier eingesammelt, um dann mit denen in einer anderen Gegend Nordspaniens weiter zu wanden.
Es dauert allerdings noch eine ganze Weile, bevor ich sie und schließlich auch wieder die Hamburgerin sowie die Österreicherin einhole. Gemeinsam suchen wir das buchstäblich heiß ersehnte Café im nächsten Dorf auf.
Man muss den Camino dafür doch tatsächlich um ein paar Hundert Meter verlassen. Was in einem Dorf dieser Größe durchaus erwähnenswert ist. Wir glauben auch fast nicht mehr an dessen Existenz, als es dann doch noch vor uns auftaucht. Trotzdem haben offensichtlich diverse Pilger ihren Weg hierher gefunden. Bei diesem Wetter ist man allerdings auch hoch motiviert. Dementsprechend lang verweilen wir hier. Zu allem Überfluss gibt es sogar noch zwei Internetzugänge. Ein Blick in den Verlauf des Browers verrät: Die mit Abstand meistbesuchten Seiten sind nicht gmx, web.de oder aol sondern wetter.de & Co. …
Wir haben keine Wahl: Irgendwann müssen wir leider weiter. Aber der Weg nach Santo Domingo de la Calzada ist zum Glück nicht mehr all zu weit.

Santo Domingo de la Calzada
Santo Domingo de la Calzada

Mindestens zwei Dinge können die Spanier: Café con Leche kochen und Feste feiern! In diesem Fall ist die Stadt geprägt von einer Fiesta, die gleich drei Tage dauert. Bettenmangel erfährt hier eine neue Dimension: Nicht nur die Herberge ist längst übervoll, nein, auch alle Hostals, Pensionen und Hotels (auch die 5-Sterne-Häuser) sind restlos ausgebucht.
Soviel zur heißen Dusche!
Alexandra und ich suchen die Touristeninformation auf. Dort klappert sie per Telefon die umliegenden Unterkünfte ab. Irgendwann hat sie Erfolg. Allerdings zu einem in jeder Beziehung hohen Preis: Das Doppelzimmer kostet 53,- €, laut Prospekt nur 47,- € (Angebot und Nachfrage…). Aber was viel schlimmer ist: Das Hotel befindet sich in Belorado dem nächsten Etappenziel! Will sagen: WIR MÜSSEN DEN BUS NEHMEN UND EINE ETAPPE ÜBERSPRINGEN!!! Etwas, das ich immer und auf jeden Fall verhindern wollte! Aber wir haben keine Wahl – jedenfalls nicht, wenn meine Erkältung nicht noch schlimmer werden soll.
Die drei Stunden bis zur Abfahrt des Busses verbringen Alexandra und ich gleich in diversen Bars und Bistros. Wir machen das Beste aus der Situation. In einer Confiserie besorgt Alexandra sich noch für horrendes Geld ein paar Pralinen. Dann geht es zum Bus.
Die Fahrt kostet nur 1,80 €, aber ich würde wer weiß was dafür gegeben, sie nicht machen zu müssen! Von daher beschließe ich, am nächsten Tag wieder zurückzufahren und die Strecke noch mal zu laufen.
Es ist ein komisches Gefühl mal wieder mit dieser Geschwindigkeit sitzend unterwegs zu sein.
Danach marschieren wir mit unseren schlammbeladenen Stiefeln über die hochglanzpolierten Flure des Hotels (→ SV). Das Zimmer ist der reine Luxus! Zwei einzelne Betten, ein Bad und vor allem: eine Badewanne!!! Diese wird dann auch umfangreich genutzt: erst zum Wäsche waschen und dann für die Körperpflege!
Anschließend suchen wir dann noch ein Tapas-Restaurant auf und enden schließlich in der hoteleigenen Bar, in der wir Alexandras Camino bei einem Rotwein würdig beenden.

Ein Blick auf den Bus-Fahrplan vernichtet alle Pläne für den nächsten Tag, da der nächste Bus zurück erst am späten Nachmittag fährt und damit leider indiskutabel ist.

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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