Camino Francés (Tag 11)

 

Belorado → Agés


 → 28,4 Kilometer
↑ 390 Meter

Sonntag, 11.05.2008

 

ein trüber Tag
ein trüber Tag

Das vergleichsweise vornehme Ambiente unseres Zimmers haben wir am Vorabend noch mit Hilfe unserer zu trocknenden Wäsche wieder ein wenig in Herbergs-Style verwandelt. Leider ist nicht alles bis zum Morgen trocken geworden. Also helfen wir noch ein wenig nach, indem wir die über dem Fenster installierte Klimaanlage als Föhn missbrauchen.
Das Frühstück nehmen wir noch in der Hotelbar ein. Danach bezahlen wir das Zimmer, wobei die Herrschaften zunächst einen abermals erhöhten Preis von uns erwarten. Wogegen wir uns aber erfolgreich wehren. Wahrscheinlich wussten sie nicht mehr, welche Kondition sie am Vortag bei uns ausgewürfelt hatten. Gegen 10:00 Uhr heißt es dann Abschied nehmen.

Jetzt bin ich wieder allein unterwegs. Ganz allein. Denn nicht nur, dass ich alle meine Bekannten durch die Busfahrt abgehängt habe, es scheint auch sonst heute keiner unterwegs zu sein. Keine Ahnung, ob das nun an der Tageszeit, am Startort oder daran liegt, dass “einen Tag weiter” einfach grundsätzlich weniger unterwegs sind.
Es ist weiterhin sehr trübes, kühles Wetter, aber überwiegend trocken. Dafür sind die Flüsse zu reißenden Strömen angewachsen. Zwischenzeitlich haben wir erfahren, dass in Deutschland eine ungewöhnliche Hitzewelle herrscht.
Der Weg schlängelt sich bis Villa Franca in der Nähe der Fernstraße entlang und kreuzt diese auch ab und zu. Man passiert sehr kleine, teilweise zerfallene Dörfer, von denen einige aber über Herbergen verfügen, die allerdings in keinem besseren Zustand zu sein scheinen.
Als ich gerade das letzte Stück vor Villa Franka (→ SV) an der Straße entlang laufe, fährt ein Auto an mir vorbei, das plötzlich gute 100 Meter weiter vor mir zum Stehen kommt. Der Fahrer, der direkt danach aussteigt, greift zu seiner Fotokamera, setzt diese auf mich an, bedankt sich mit einem Wink und fährt weiter. Touristenattraktion: Pilger.
Laut Wanderführer soll es in Villa Franca einen Geldautomaten geben, was mir auch sehr gelegen käme, da ich nämlich in Belorado im Eifer der Verabschiedung es leider versäumt habe, den dortigen zu nutzen.

keine Sonne in Sicht
keine Sonne in Sicht

Aber außer einer dunklen Bar gibt es hier einfach nix! Also kehre ich dort nach ein wenig Überwindung ein. Sie wirkt halt wirklich nicht sehr einladend. Ich bestelle mir einen Tee und lasse mir noch mal bestätigen, dass es hier wirklich keine Möglichkeit gibt, Geld zu holen. Von daher drehe ich die anschließende Runde durch den kleinen Ladenraum neben der Bar auch nur, um zu gucken, was ich hätte kaufen können.
Ein wenig Wasser, Brot und Wurst habe ich ja auch noch. Allerdings soll der härtere Teil des heutigen Weges auch erst noch folgen. Vor mir liegt ein 1.162 Meter hoher Berg. Ich selbst befinde mich bereits auf gut 950 Metern. Das eigentliche Problem ist wieder mal der knöcheltief aufgeweichte Boden! Es gibt Stellen, da kommt einem das Wasser als kleiner, strömender Bach entgegen!
Von daher freue ich mich umso mehr auf die nächste Herberge, die im Wanderführer als “einfach” und mit “theoretisch warmem Wasser” beschrieben wird!
Ich bin gespannt, wie lange meine Erkältung unter diesen Umständen noch im Stand-by verharrt.
Des Weiteren stellt der Wanderführer den Wald, durch den ich nun laufe, als zauberhaft dar. Bei anderem Wetter kann ich mir das sogar ganz gut vorstellen, aber jetzt ist “gruselig” der definitiv treffendere Begriff. Knochige, blattlose Bäume, die über und über von Moos und Flechten eingehüllt sind, lösen sich nach wenigen Metern im milchigen Nebel auf. Und dann hängen da auch noch plötzlich an deren Stämmen Holzkreuze, deren Blumenschmuck in dieser absolut farbentleerten Umgebung eine sehr surreale Wirkung hat.
Aufgrund dieser plötzlichen Einsamkeit, die einem hier ja geradezu mit dem Holzhammer verdeutlicht wird, merke ich auch das erste Mal so richtig, dass ich nicht mehr zu Hause bin. Viel zu sehr ist man in den vergangenen Tagen doch durch die vielen, fortwährenden und netten Begegnungen abgelenkt gewesen.
Eigentlich ist es ja genau das, was ich wollte: Mal ganz für mich und allein unterwegs sein. Aber irgendwie nicht an diesem Tag. Nicht mit dieser Stimmung. Und damit ich mich noch ein wenig verlorener fühle, wachsen die Wege auf einmal zu endlos wirkenden, autobahnbreiten Brandschneisen an, deren Bodenkonsistenz mir bei jedem Schritt fast die Schuhe auszieht.
So stapfe ich stundenlang durch diese Pampe.
Gerade, als ich mir einen geeigneten Platz für eine Pause suchen will, tauchen vor mir plötzlich das Ende des Waldes, die Sonne und kurz dahinter San Juan de Ortega auf, welches mein heutiger Zielort sein soll (→ SV).
Wahrscheinlich der Sonne wegen wirkt dieser Ort recht freundlich, aber auch ausgestorben.
Erst als ich um die Kirche herumkomme, sind da vor einem kleinen Café einige Pilger zu sehen.
Zwei ältere Herren, die da an einem Tisch sitzen, laden mich zu sich ein. Wir sprechen englisch. Der eine fragt mich, ob er mir einen Kaffee mitbringen solle. Natürlich bejahe ich dies sofort, aber dann fällt mir wieder meine finanzielle Lage ein und ich storniere. Als er den Grund erfährt, lädt er mich ein und zieht obendrein noch einen 10-Euro-Schein aus der Tasche, den er mir schenken will. Im Hinblick auf die bevorstehende Herberge habe ich fast keine andere Wahl, als anzunehmen, aber ich verspreche ihm, das Geld in Burgos wieder zurückzuzahlen. Er lehnt dies vehement ab. Sollten wir uns aber dort wieder treffen, werde ich mich trotzdem nicht davon abbringen lassen!

Schuhregal
Schuhregal

Nach kurzer Zeit stellen wir fest, dass wir alle drei aus Deutschland kommen und wir wechseln die Sprache… Ich erfahre, dass die Herberge des Ortes zurzeit geschlossen ist, und man erst im gut 4 Kilometer entfernten Agés die nächste Chance auf eine Unterkunft hat.
Darauf soll es nun auch nicht mehr ankommen. Also ziehe ich relativ bald allein weiter und treffe nach einem kleinen Wettlauf mit einer neuen, dunklen Wolkenwand in Agés ein (→ SV).
Auch dieses Dorf ist klein, nett und verfügt über gleich zwei sympathische Herbergen, die sogar noch freie Betten haben – trotz des Herbergsausfalls in San Juan.
Ich beziehe eine Matratze in einem erhöhten Raum unter dem Dach, den man über eine breite Sprossenleiter erreicht. Von hier aus blickt man über den restlichen Schlafsaal und hat hoffentlich auch etwas Abstand zu dessen Akustik und Gerüchen.

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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