Camino Francés (Tag 16)

 

Carrión de los Condes → Lédigos


 → 24,3 Kilometer
↑ 44 Meter

Freitag, 16.05.2008

 

der Weg
der Weg

Es ist 6:00 Uhr und vermutlich 0 Sekunden, als irgendwo in unserem Schlafraum ein elektronischer Wecker klingelt. Grob geschätzte 20 Sekunden später stimmt der zweite mit ein. Als diese beiden gerade verstummt sind, ertönt aufs Neue ein weiterer Piepton, der auf seine Unterstützung ebenfalls nicht lange warten muss.
Wohl kaum ein einzelner Pilger oder auch welche, die zu zweit unterwegs sind, haben diese Reisegruppen auf dem Camino besonders ins Herz geschlossen, ich wahrscheinlich allen voran. Aber mit DER Nummer hat sich diese deutsche Formation unwiderruflich ins nicht Rehabilitierbare katapultiert! Sie haben bereits kurz nach meiner Ankunft umfangreiche Vorarbeiten geleistet, um diesen Status zu erreichen: Während einzelne Pilger entweder ihre Ruhe suchen oder sie zumindest den anderen gewähren, gibt es bei dieser Picknick-Fraktion immer eine hektische Gruppendynamik, bei der ein Gruppenleiter seinem Gefolge lauthals verkündet, wie es den nun in den nächsten 45 Minuten weiter zu gehen hat – einmal quer durch den Schlafraum.
Nun frage ich mich allerdings, warum es bei einer so straff organisierten Mannschaft nicht völlig ausreicht, wenn von EINEM der Wecker klingelt (wofür auch immer!?), und dieser dann den Nächsten weckt usw.
Für mich ist diese Geräuschkulisse allerdings eigentlich nur der Schlussgong einer auch sonst wieder mal extrem geräuschvollen Nacht.

Heute gibt es gleich zwei Gründe, den Start ganz ruhig anzugehen: Zum einen gilt es natürlich, die Tourigrinos so weit wie möglich vorausziehen zu lassen, und zum anderen ist da diese Wolkenfront, die einem den Eindruck vermittelt, es sei noch tief in der Nacht.
Also beschließe ich, mein Frühstück gleich hier im Ort zu mir zu nehmen.
Während ich mein Bocadillo, das Schokoladen-Croissant und den Cafe con Leche genieße, sehe ich im Fernsehen Bilder vom abgesoffenen Logroño, gefolgt von einer Wetterkarte, die einfach nicht zu Spanien gehören kann.
Als ich mit dem Frühstück fertig bin, ist es draußen kein bisschen heller geworden, und den Meteorologen nach wird sich ja nun auch in den nächsten Tagen nicht viel dran ändern. Also los! Immerhin gilt es ja wieder mal, die so gefürchtete Mittagshitze zu meiden… Laut Wanderführer ist die Strecke heute absolut schattenfrei. Dies wirft aber im Augenblick ein ganz anderes Problem auf: kein Baum = keine „Toilette“. Und da das Pilgerfeld heute von neuem sehr eng und die Gegend sehr weitsichtig ist, heißt es: Bei Bedarf stehenbleiben und laufen lassen – sowohl das, was raus will, als auch die anderen an einem vorbei…
Die Meseta soll einsam und eintönig sein. Nun, dass das mit der Einsamkeit nichts wird, überrascht natürlich nicht so sehr. Aber die Gegend zeigt sich wider Erwarten recht reizvoll, da das Wetter kurzfristig auf heiter umgeschwenkt hat. Das Spiel aus Sonne und Quellwolken gibt der Landschaft eine sehr interessante Tiefe.

Steinpfeil
Steinpfeil

Irgendwann taucht plötzlich der erste Ort auf, an dem die meisten für heute hängen blieben. Von daher bin ich ab da plötzlich von der einen auf die andere Minute ganz allein unterwegs.
Es ist gerade mal 13:30 Uhr, als ich den kleinen, verschlafenen Ort erreiche, der meinen heutigen Weg beenden soll (→ SV).
Die Herberge verfügt nicht nur über eine eigne Bar und einen eigenen, kleinen Laden, nein, sie hat auch noch freie Betten! Und wie sich herausstellt, gehört mir heute Nacht sogar die Fläche von zwei nebeneinander stehenden Betten. Gut, mit Schlafsack spielt das nicht so die Rolle.
Den recht langen Rest des Tages verbringe ich mit Wäsche waschen, an der Bar sitzen und Bier trinken im Garten, während einige andere bereits jetzt schon mal eine kleine Gesangsprobe für die Nacht geben…
Da das Ganze hier zurzeit zu einer Ü70-Pilgerung zu avancieren scheint, und ich unter denen kaum interessante Leute entdecken kann (ein Großteil sind zudem Radpilger), drehe ich außerdem noch eine kleine Runde durch die Umgebung von Lédigos.
Als schon alle im Bett liegen, schreibe ich noch eine Halbzeitmail, denn heute habe ich den 400sten Kilometer überschritten.

weiter →

(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

Share Button

Schreibe einen Kommentar