Camino Francés (Tag 17)

 

Lédigos → Bercianos del Real Camino


 → 27,7 Kilometer
↑ 69 Meter

Samstag, 17.05.2008

 

bei Sahagún
bei Sahagún

Den Pilgerpass, den man sich vor Antritt des Weges ausstellen lässt, sollte man nur unter Auflagen ausgehändigt bekommen. Eine davon müsste die sein, dass man allein oder maximal zu zweit unterwegs ist. Sobald sich Menschen innerhalb einer Gruppe aufhalten, leidet Rücksichtnahme offenbar unter einem kolossalen Imageschaden. Dies bekommt man immer wieder ganz besonders morgens zu spüren. Da werden mit Taschenlampen ganze Lichtshows inszeniert, mit den Türen geknallt und kommuniziert wie auf dem Bau. In diesem Punkt sind ältere, vor allem Männer, ganz weit vorn.
Aber wenigstens habe ich mal wieder ganz gut geschlafen.
Nach dem Verlassen der Herberge habe ich die Sonne im Rücken und abermals eine pechschwarze Wolke vor mir. Davor hebt sich drohend ein leuchtendes Stoppschild ab. Soll mir das irgendetwas sagen…?
Bei meinem Frühstück im ersten Ort des heutigen Weges nutze ich die Gelegenheit des dortigen Internetzuganges und schreibe Alexandra mal eine kurze Mail vom weiteren Verlauf.
Außerdem erwerbe ich hier noch einen neuen Pilgerpass, da der Platz für die Stempel bei meinem ersten bei Weitem nicht bis ans Ende des Caminos reichen wird.
Von nun an habe ich einen Pass für die Herbergen und einen für die Cafés.
Nach gut einem dreiviertel der Strecke komme ich durch Sahagún. Eine kleine Stadt, in der es mal wieder dringend angesagt ist, ein paar Besorgungen zu machen (→ SV). Zuvor gilt es allerdings, sich durch die Engen eines Marktes zu quälen, der sämtliche Straßen der Altstadt belegt. Wer dies einmal mit einem 12 Kilo schweren 65-Liter-Rucksack und sperriger Isomatte auf dem Rücken gemacht hat, empfindet jedes weitere Volksfest als leeren Fußballplatz.
Im Supermarkt selbst ergeht es mir nicht anders. Enge Gänge und darin viele Menschen, die hier ihre Neuigkeiten austauschen, ohne von einem Notiz zu nehmen. Nachdem ich mich dann doch irgendwie dadurch gekämpft habe, sehe ich zu, dass ich die Stadt schnell wieder verlasse.
Unterwegs kommt man immer wieder an Informationen vorbei, die einen über die angeblich verbleibenden Kilometer bis Santiago informieren. Allerdings bin ich bereits am zweiten Tag dahinter gekommen, dass Kilometersteine hier eher sehr grobe Schätzungen angeben.

Ruine in Bercianos del Real Camino
Ruine in Bercianos del Real Camino

Auf dieser Strecke muss man sich das zweite Mal zwischen zwei Weg-Varianten entscheiden, deren Enden erst wieder im Laufe der nächsten Etappe zusammenführen.
Da beide Abschnitte in etwa gleich lang sind und als eher unspektakulär beschrieben werden, entscheide ich mich für den so genannten „Real Camino“.
Wie am Vortag auch komme ich auch heute recht früh an meinem Ziel Bercianos del Real Camino an (→ SV).
Die Herberge oder genauer: das Refugio (Unterkünfte, die nur von Spenden leben), hat auch noch ein Bett für mich frei. Als ich allerdings von meinem Bier und einem Kaffee zurückkomme, muss ich feststellen, dass die Handtuch-Reservier-Methode hier wohl durchaus Sinn macht. Ich habe zwar meinen Rucksack VOR das Bett gestellt, aber das ist offenbar nicht deutlich genug, und so liegen jetzt die Klamotten eines anderen Pilgers auf dem ehemals meinem Bett. Sooo unglücklich bin ich darüber allerdings gar nicht, da in dem Zimmer bereits jetzt schon extrem schlechte Luft ist. Die Herbergsmutter hingegen ist umso aufgelöster, als ich sie nach einem neuen Bett frage. Und da sie nur spanisch spricht, sucht sie ganz aufgeregt nach jemandem, der dolmetschen kann. Es ist mir auch nicht so schnell möglich, ihr verständlich zu machen, dass das gar nicht so schlimm sei. Sie möge mir doch einfach nur eine Matratze geben, und ich würde mich dann irgendwo in den Flur legen. Irgendwann findet sie sich mit dieser Alternative ab.
Direkt neben der Herberge steht eine Kirche, oder besser: was von ihr übrig ist, denn der Turm ist vor ein paar Jahren eingestürzt. Von dessen inzwischen überwachsenem Schutthaufen hat man eine tolle Aussicht ins weite Land und auf den Sonnenuntergang, der mit allen Pilgern hier obligatorisch nach dem gemeinsamen Abendessen genossen wird. Allerdings bin nur ich dazu auf diesen kleinen Berg geklettert.
Das Abendessen selbst ist ebenfalls in der Spende mit inbegriffen. Vorab gibt es eine kleine Ansprache der Herbergsmutter, der alle sehr aufmerksam folgen.
Dass sich schon wieder eine Reisegruppe unter uns befindet, fällt dieses Mal gar nicht so unangenehm auf.
Mit meiner Matratze habe ich mich direkt neben der Damentoilette platzieren müssen, da auch sonst alles voll ist. Aber zur Schlafenszeit sollte das ja nicht so die Rolle spielen. Denke ich…

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