Camino Francés (Tag 19)

 

Reliegos → León


 → 23,6 Kilometer
↑ 76 Meter

Montag, 19.05.2008

 

erschöpfte Pilger aus Stein
erschöpfte Pilger aus Stein

Davon auszugehen, dass Frauen nicht schnarchen, ist definitiv ein Fehler. Trotzdem war die Nacht mal wieder ganz angenehm, was man von den Temperaturen und dem Gegenwind an diesem Morgen abermals nicht behaupten kann!
Dementsprechend zieht sich der Weg zum heutigen Frühstücksort Mansilla de las Mulas ganz schön hin.
Als ich endlich dort ankomme, hat sich das Wetter doch tatsächlich mal wieder für die Tendenz zum Besseren entschieden, so, dass ich beim Frühstück heute mal nicht auf Zeit spielen muss.
Das wird auch der Grund dafür sein, warum ich hier gerade mal auf zwei weitere Pilgerinnen treffe, mit denen ich mich kurz unterhalte, während ich mein Bocadillo, den Kaffee und das ebenfalls inzwischen obligatorische Schokoladengebäck, welcher Art auch immer, genieße.
Apropos Genuss: So sehr mich das Wetter und der Bettenmangel die letzten Tage auch genervt haben, mir Blasen an den Füßen und Knieprobleme Sorgen bereiten, die Feststellung, dass ich gerade mal die Hälfte der Zeit hinter mir habe, erfüllt mich bei Weitem mehr mit Freude als mit Frust.
Liegen doch einfach noch mal so viele Erlebnisse und Eindrücke vor wie hinter mir!
Und nun geht es geradewegs nach León, der zweiten großen Stadt auf diesem Camino.
Auf dem Weg dahin passiert man Puente de Villarente. Ein Name, der weitaus schöner klingt, als es sein Namensträger ist. Allerdings mangelt es hier, wie selten zuvor, an einer umfangreichen Infrastruktur. Schade nur, dass ich absolut nix benötige – schon gar nicht so kurz vor León.
Das einzig Attraktive hier ist eine Berglandschaft, die man allerdings nur auf einem Plakat sehen kann. Dieser Anblick weckt aber eine große Vorfreude auf das Gebirge, das da wieder kommen sollen.
So langsam habe ich genug von Fläche und Weite!
Nach einer letzten Kaffeepause, gute 7 Kilometer vor meinem Ziel, liegt sie wieder zuverlässig in den Startlöchern: die schwarze Wolkenfront von links. Aber was dann passiert, bringt mich schon fast ein wenig aus dem Konzept: Sie nähert sich nicht. Sie zieht parallel zu mir, und ich treffe begleitet von der Sonne in León ein. Wie auch schon bei Burgos ist der Anblick einer großen Stadt nach Tagen in der Pampa sehr gewöhnungsbedürftig. Trotzdem habe ich bereits seit einigen Tagen beschlossen, hier das erste Mal für einen Tag auszusetzen. Da ich sehr gut in der Zeit liege und nicht am Ende tagelang in Santiago verbringen möchte, halte ich es für eine gute Idee, hier mal zu pausieren. Außerdem besteht da ja die kleine Chance, dass mich ein Paar von den vermissten Gesichtern der ersten Zeit hier wieder einholen.

Kathedrale von León
Kathedrale von León

Es stellt sich sehr schnell heraus, dass dies eine sehr gute Idee ist: Nachdem man den weniger attraktiven „normalen“ Großstadtteil durchquert hat, betritt man die autofreie und farbenfrohe Altstadt (→ SV).
Viele Gassen und Plätze mit ihren Geschäften, Bars und Cafés laden zum Flanieren ein – auch noch nach 24 Kilometern.
Die Herberge ist ein Kloster (→ SV), das sich ebenfalls in der Altstadt befindet und auch noch über genügend Betten verfügt. Da hier mal wieder nach Männlein und Weiblein getrennt wird, freue ich mich auf eine Nacht unter 60 vorwiegend älteren Herren…
Aber vorher gilt es, die Stadt zu erobern!
In meinem Wanderführer steht, dass es sich um die schönste Stadt des Caminos handelt und ich kann dies nur unterstreichen! Das erste Mal seit langer Zeit sprühe ich mal wieder vor Euphorie.
Irgendwann treffe ich auch wieder auf Renate, die mich spontan zu einem Glas Wein einlädt. Wir sitzen draußen vor einer Bar direkt gegenüber der imposanten Kathedrale.
Bei meinen weitern Streifzügen sehe ich tatsächlich bereits heute schon entfernt bekannte Gesichter aus der Anfangszeit. Mein Pilgermenü nehme ich allerdings zusammen mit mir völlig unbekannten Tourigrinos an einem langen Tisch ein. Der Weg lehrt einen auch Toleranz. Oder nennen wir es mal Kompromissbereitschaft… Das Restaurant ist nun mal komplett voll. Bis 19:00 Uhr scheint es übrigens fast so, als gäbe es in dieser Stadt außer Bars überhaupt keine Gastronomie. Und tatsächlich erwachen die meisten Läden auch erst so gegen 21:00 Uhr zum Leben, was nur sehr wenig mit der Schließzeit der Herberge harmoniert: 21:30 Uhr!
Möchte man noch an der Pilgermesse teilnehmen, muss man sogar bereits um 21:00 Uhr zurück sein. Und ich möchte mal wieder. Es ist offenbar völlig egal, wie gläubig man ist, diese Art von Zusammenkunft hat immer wieder etwas sehr Emotionales, dem man sich kaum entziehen kann.
Da die Kirche sich logischerweise mit in dem Gebäudekomplex des Klosters befindet, ist der Weg ins Bett dann nur noch ein sehr kurzer.

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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