Camino Francés (Tag 02)

 

St. Jean-Pied-de-Port → Roncesvalles


 → 24,8 Kilometer
↑ 1.267 Meter

Freitag, 02.05.2008

 

St. Jean-Pied-de-Port morgens
St. Jean-Pied-de-Port morgens

Noch im Laufe der Nacht, so gegen 02:00 Uhr, kommen weitere Schlafplatzsuchende hinzu.
Eine meiner größeren Sorgen beim Projekt „Jakobsweg“ ist die, dass sich mein grundsätzlich flacher Schlaf nicht gerade mit der Geräuschkulisse eines Schlafsaales vertragen wird.
Und ich werde gleich in dieser ersten Nacht auf eine harte Probe gestellt. Aber nicht nur ich: Gegen 4:00 Uhr fangen der Ire und die Engländerin leise an, ihre Sachen zu packen. Als sie feststellen, dass auch ich wach bin, sagen sie mir, dass sie sich auf den Weg machen wollen, da an Schlaf eh nicht mehr zu denken ist. Ob ich mitkommen möchte. Zwar sehe auch ich die Chancen für weiteren Schlaf bei null, aber sich nachts um 4:00 Uhr durch die Pyrenäen zu tasten, entspricht nun auch nicht gerade meiner Wunschvorstellung für den Start. Also verabschieden wir uns voneinander. Vielleicht trifft man sich ja im weiteren Verlauf wieder.
Nur kurze Zeit später raffe auch ich meine Sachen zusammen, aber nicht, um ebenfalls aufzubrechen, sondern, um mir einen anderen Raum zu suchen!
Das Einzige, das es da noch gibt, ist die eigentliche Sporthalle…
Ich brauche eine ganze Weile, um wieder einzuschlafen. Nun nächtigt man ja auch nicht gerade jede Nacht eingemummelt in einen Schlafsack, nur auf einer dünnen Isomatte liegend, umgeben von fremden Geräuschen einer riesigen Halle irgendwo am Spielfeldrand an einer Werbebande!
Irgendwann werde ich wieder wach von menschlichen Lauten – es ist aber dieses Mal kein Schnarchen, sondern die Stimmen aufbrechender Pilger draußen auf dem Flur.
Es dauert noch einen Augenblick, ehe mir einfällt, dass der „Schlüsselmeister“ des Hauses ja gar keine Ahnung davon hat, dass sich da auch noch einer in der Halle befindet!!!
So schnell wie an diesem Morgen werde ich meine Sachen im ganzen weiteren Verlauf des Caminos wohl nie wieder zusammenpacken…!

Es ist 7:30 Uhr, als ich das Gebäude verlasse und meine erste Etappe angehe.
Leider war es am Vorabend zu spät und ist jetzt noch zu früh, um sich in irgendeinem Geschäft mit Proviant einzudecken. Also hoffe ich auf eventuelle Einkehrmöglichkeiten am Weg.

Gleich am Ortsausgang (→ SV) bekommt man zu spüren, dass man für atemberaubende Bergpanoramen auch irgendwie erst mal hochkommen muss. Aber beflügelt von der Euphorie des „ersten Tages“ einer ungewissen Reise sowie dem absolut perfekten Wetter, Zieht es mich geradezu die Berge hoch. Immer wieder komme ich an anderen Pilgern vorbei und umgekehrt.
Es dauert nicht lange, da treffe ich bei einem am Hang gelegenen Haus ein (→ SV), auf dessen Terrasse ich mein heiß ersehntes Frühstück einnehmen kann. In Gesellschaft von schätzungsweise 15 oder sogar 20 weiteren Caminostartern genieße ich den Ausblick auf die Pyrenäen in der Morgensonne.

erste Frühstückspause
erste Frühstückspause

Diese erste Mahlzeit entspricht mehr einer mentalen Stärkung, da das südländische Frühstück fast ausschließlich aus Weißbrot mit süßen Belägen, wie in diesem Fall Marmelade besteht.
Aber mehr brauche ich für den Moment auch nicht, weil mit jedem weiteren Höhenmeter meine Glückshormone mich immer mehr zu nähren scheinen – zumindest für den Augenblick, was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, ist, dass dies die erste und auch letzte Einkehrmöglichkeit vor dem heutigen Etappenziel gewesen ist…
Die einzige Versorgungsstelle, die noch kurz darauf folgt, ist der Rolandsbrunnen. Also fülle ich hier noch mal meine Wasserflaschen.
Irgendwann reicht die Euphorie dann doch nicht mehr als Energiequelle, und es macht sich in meinem Körper langsam eine Unterzuckerung breit.
Aber es wäre nicht der Camino, wenn man nicht binnen kürzester Zeit durch die Unterstützung anderer Pilger um Brot und Kekse reicher würde…

Ohne es zu bemerkten, wechsle ich von Frankreich nach Spanien über. Ebenfalls eher unauffällig ist das Erreichen des höchsten Meters dieser Etappe. Was man allerdings sehr deutlich zu spüren bekommt, ist der extrem starke Wind, der es einem zeitweise unmöglich macht, die Spur zu halten. Später erfahre ich, dass sich genau eine Woche zuvor hier zwei Engländer im Schneesturm verirrten und einer von den beiden dabei sogar erfroren sein soll. Jetzt sieht man nur noch vereinzelte Schneeflecken und selbst der Wind ist nicht besonders kalt.
Bei der „Talfahrt“ nach Roncesvalles hat man die Wahl: Entweder man nimmt die gemäßigte Straße oder den etwas steileren Waldpfad querfeldein.
Ich fühle mich immer noch fit, also entscheide ich mich für den natürlichen Weg. Eine großartige Wahl! Sollte ich irgendwann noch einmal vor dieser entweder-oder-Frage stehen, werde ich mich für die Straße entscheiden!
Geschoben von meinem Rucksack geht es von nun an ohne Erbarmen fast senkrecht bergab.
Gefühlte Stunden später, gerade als ich glaube, dass meine Knie das Projekt Jakobsweg bereits jetzt beenden würden, tauchen vor mir die Mauern des Klosters von Roncesvalles auf.
Das heutige, erste Tagesziel ist erreicht.

Nach einer recht umfangreichen Anmeldeprozedur, ein wenig Akklimatisierung, dem ersten Pilgermenü im örtlichen Restaurant sowie der Pilgermesse, die ich gerade hier im Kloster dann doch mal mitnehme, begebe ich mich in eines von rund 120 Etagenbetten der Herberge (→ SV).

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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