Camino Francés (Tag 24)

 

Rabanal del Camino → Riego de Ambrós


 → 21,5 Kilometer
↑ 263 Meter

Samstag, 24.05.2008

 

Ampferkäfer
Ampferkäfer

Wenn man sich Ende Mai in Spanien aufhält, sind Handschuhe absolut keine abwegigen Utensilien. Mir frieren die Finger ab! Aber es ist nicht nur die gefühlte Temperatur so extrem niedrig: Hier, in diesen höheren Lagen herrschen tatsächlich nur wenige Grad über null und das, obwohl die Sonne fast ungestört vom Himmel scheint.
Marco und ich hatten die Herberge gegen 8:30 Uhr als die Letzten verlassen. Da Marco sich aber noch in der benachbarten Bar ein wenig eindecken wollte, bin ich schon mal losgezogen und somit wieder allein unterwegs.
Heute liegt auf dieser Etappe das Cruz de Ferro. Der Ort, an dem viele einen von zu Hause mitgebrachten Stein ablegen, um damit symbolisch ihre persönlichen Lasten und/oder Sorgen zurückzulassen. Auch ich trage seit Hamburg so einen Minifindling in meinem Rucksack und bin sehr gespannt auf diesen Ort, der zugleich auch der mit 1.531 Metern höchstgelegene Punkt des gesamten Camino Francés ist – naja fast: gute sechs Kilometer weiter passiert man noch eine ein Meter höhere Kuppe. Aber zuvor gilt es, unter anderem ein Frühstück zu bekommen. Dies gelingt mir in Foncebadón (→ SV). Dieses Dorf war bis vor ein paar Jahren noch komplett verlassen und zerfallen. Inzwischen gibt es immerhin zwei Herbergen. In der einen davon bekomme ich ein Bocadillo der etwas rustikaleren Art: Der Käse wird hier mal nicht in ein Baguette gebettet, sondern ist gefangen in zwei fast zwei Zentimeter dicke Graubrotscheiben. Dazu nimmt man sich seinen Kaffee aus einer Thermoskanne. Als ich gehe, decke ich mich noch mit ein paar Bananen ein, die einem hier zusammen mit einigen anderen Lebensmitteln angeboten werden. Dass dies die einzige Einkaufsmöglichkeit im Umkreis von etlichen Kilometern ist, wird einem über die Preise verdeutlicht…

Als ich beim Kreuz ankomme (→ SV), beschließe ich, mich erst mal etwas abseits an einen der Rasttische zu setzen und abzuwarten, während eine bunte, aufgekratzte Scharr an etwas älteren Männlein und Weiblein den Steinhaufen erklimmt und Gruppenfotos macht. Anstatt cheeeesss krakelt immer wieder ein lautes „Patatas“ (auf Spanisch: Kartoffeln) über das Gelände. Ich warte ab. Irgendwann muss ja wohl jeder sein Bild haben. Als aber nach dieser Foto-Orgie gemeinschaftlich vereinbart wird, noch die bisher ausgebliebene Morgenandacht und das Mittagessen hier zu vollziehen, entscheide ich, meinen Stein hier nicht abzulegen und ihn bis ans Cap Finisterre mitzunehmen. Dort will ich ihn dann über die Klippen ins Meer werfen.
Meine Finger sind inzwischen so kalt, dass ich kaum noch in der Lage bin, Fotos zu machen.

Entfernungsangaben bei Manjarín
Entfernungsangaben bei Manjarín

Unweit vom Cruz de Ferro hat der angeblich letzte Tempelritter sein Refugio nebst Souvenirstand. Dieser Ort ist etwas eigenwillig, aber auch sehr interessant – was auch für die Übernachtung hier gelten soll. Aber meine heutige Etappe ist noch nicht vorbei. Als ich gerade im Begriff bin, weiter zu ziehen, muss ich mit Entsetzen feststellen, dass so eine Morgenandacht nebst Mittag schneller abgehakt ist, als ich dachte…! Noch mehr überrascht bin ich allerdings, als ich aus dieser Menschentraube heraus plötzlich meinen Namen höre. Es ist Claudio. Mit ihm bestreite ich von nun an gemeinsam einige Abschnitte des heutigen Weges.
Den definitiv höchsten Punkt des Caminos registriert man überhaupt nicht. Man merkt nur, dass es irgendwann tendenziell wieder bergab geht. Was nicht zu übersehen ist, sind pechschwarze Wolken, die zunächst noch an einem parallelen Gebirgskamm hängen. Aus diesen ergießen sich spektakuläre Regensäulen. Außerdem wird dieses düstere Szenario immer wieder von einem kurzen, zuckenden Leuchten aufgehellt.
Aus diesem Grunde kommt es mir sehr gelegen, dass es bis zum bereits sichtbaren Dorf von nun an nur noch deutlich bergab geht – auch, wenn meine Knie das sicherlich anders sehen.
Somit gelingt es mir bereits zum zweiten Mal, eine Bar zu erreichen, bevor ein Unwetter über mir herniedergeht, das sich sehen und hören lassen kann.
Die Bar ist erstaunlich groß und voll. Am Tresen sitzt bereits Claudio. Er hat sich in Anbetracht der Lage hier in der der Herberge niedergelassen. Ich bin noch unschlüssig. Die Reisegruppe, die hier ebenfalls pausiert, MUSS heute noch in Ponferada ankommen, da dort die Zimmer entsprechend reserviert sind. Also fahren kurze Zeit später einige Großraumtaxis vor, die dann viele aufgebrachte Tourigrinos absaugten. Schade.
Als der Regen weniger wird, beschließe auch ich noch einen Ort weiter zu ziehen und lasse Claudio mit einem Fragezeichen im Gesicht zurück, denn weniger Regen bedeutet bei dem Wetter nicht gerade „trocken“… Aber ich will einfach noch weiter, außerdem finde ich die Herberge auch nicht gerade einladend.
Leicht durchnässt betrete ich dann knapp eine Stunde später meine Zielunterkunft. Die, wie es schon der Wanderführer verspricht, recht nett ist. Außerdem hat es dort einen Feuerofen zum Trocknen von Kleidung und Mensch sowie zwei mir sehr vertrauten Norwegerinnen, mit denen ich dann am Abend auch noch, zusammen mit einer weiteren jüngeren Hamburgerin, essen gehe.

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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