Camino Francés (Tag 27)

 

Vega de Valcarce → Triacastella


 → 33 Kilometer
↑ 659 Meter

Dienstag, 27.05.2008

 

kurz vor der galizischen Grenze
kurz vor der galizischen Grenze

Es überrascht mich nicht sonderlich zu sehen, dass die, die sich den auch den Luxus eines Frühstücks leisten, für ihre 5,- € gerade mal Weißbrot mit Marmelade, Müsli und natürlich Kaffee bekommen. Mein etwas herzhafteres Frühstück erwartet mich in La Faba, ein ziemlich hoch gelegener Ort, für den man zunächst einen sehr steilen Aufstieg hinter sich bringen muss. Dieser hat eigentlich viel eher die Bezeichnung „Camino Duro“ verdient oder besser „Camino Morasto“. Wenn auch nicht zeitgleich, so teilt man sich den Waldpfad doch ganz offensichtlich mit so einigen Kühen, denn der teilweise knöcheltiefe Modder besteht eindeutig nicht nur aus aufgeweichter Erde!
Von daher ist es sowohl eine Herausforderung, diese Steigung zu bewältigen, als auch sich nicht der Länge nach hinzupacken. In einschlägiger Belletristik ist zu lesen, dass genau bei diesem Abschnitt des Caminos die Pilger reihenweise, heulend am Wegesrand sitzen und einfach nicht mehr weiter können. Ein bisschen kann ich das jetzt natürlich nachvollziehen, obgleich ich mich hier nur sehr ungern irgendwo hinsetzen würde. Dabei ist der Weg bis dahin absolut entspannend: Man zieht durch malerische Täler und Dörfer, die noch in Morgennebel getaucht sind, während über einem die Sonne vom meist schon klaren Himmel scheint. Das Pilgerfeld ist in diesem Fall mal wieder recht dicht. Im Abstand von gut 100 oder 200 Metern sind immer ein oder mehrere Artgenossen zu sehen. Einer davon, oder besser, eine davon spricht mich unterwegs an. Sie ist Amerikanerin. Sie fragt mich, ob ich Hunger hätte. Im ersten Augenblick glaube ich, mein Ruf hätte sich auch schon bis zu ihr herumgesprochen, aber sie will nur einen Gesprächseinstieg zum Essen und den Preisen unserer gemeinsamen letzten Herberge. Sie erzählt mir, dass sie nach dem Abendessen auch mit dem Frühstück nicht zufrieden war und den Herbergsvater um einen kleinen Preisnachlass bat. Aber ohne Erfolg.
Bei einem späteren Internetzugang lese ich dann auch in den Updates des Wanderführers, dass einige Pilger vor dem „Brasil“ wegen Abzocke warnen.
So kommt es dann auch, dass ich mein Bocadillo in Gesellschaft von so einigen „Brasil-Geprellten“ einnehme, denen das Angebot dort offenbar auch nicht gereicht hat. Einer von ihnen ist Claudio, der mich hier mit zwei Frauen einholt – obwohl er eigentlich schon lange vor mir gestartet war. Aber dieses Café (→ SV) ist halt nicht deren erste Einkehr…
Von hier ziehen wir wieder mal sporadisch gemeinsam weiter. Die in La Faba angekündigte und langsam mal wieder nötige Einkaufsgelegenheit bleibt leider aus, oder ich kann sie zumindest nicht entdecken.

San Juan
San Juan

Diese inzwischen letzte Gebirgslandschaft vor Santiago zeigt sich von einer sehr reizvollen Seite. Dazu tragen, wie so oft, auch wieder zahlreiche Wolkenformationen bei, die eindeutig mehr zu werden scheinen. So kommt es, dass ich schon wieder das anfangs seltene Glück habe, genau zum Beginn eines satten Wolkenbruchs bei einem weiteren Café einzutreffen. Da Claudio mit seinen Mädels inzwischen um einiges hinterher hängt, treffen diese hier entsprechend später und völlig durchnässt ein. Eigentlich will ich kurz danach wieder aufbrechen, aber die Drei „nötigen“ mich beinahe zu einem weiteren Bier, zu dem sie mich einladen.
Ich habe ja schon das eine oder andere Mal durchblicken lassen, dass ich nur wenig Verständnis für die Rücksichtslosigkeit einiger Weggesellen habe. Aber als ein älteres Ehepaar uns von einem anderen Tisch aus um etwas mehr Ruhe bittet, habe ich bzw. wir relativ wenig Einsehen. Zum einen unterhalten wir uns lediglich – wenn auch gut gelaunt und zum Anderen befinden wir uns in einer Bar…!
Als ich wieder unterwegs bin, werde ich beflügelt von einer ungewöhnlichen Energie. Kein Ahnung, woran das liegt. Vielleicht ist es das zweite Bier. Dementsprechend schnell erreiche ich dann den letzten Grenzstein des Caminos. Diese ganzen „der, die, das Letzte vor Santiago“ belasten mich nach wie vor mehr als das es mich motiviert. Außerdem handelt es sich bei dieser Grenze um die nach Galicien. Die Region, die als die regenreichste Spaniens gilt… Und tatsächlich fängt es genau auf Höhe des Steines wieder an zu tropfen.
O Cebreiro ist das älteste Dorf des gesamten Caminos (→ SV), und in diesem steht eine der ältesten Kirchen der Welt. Da in dieser bei meiner Ankunft gerade hörbar ein Gottesdienst abgehalten wird, sehe ich sie mir nur von außen an. Auch den Rest dieses Dorfes gucke ich mir lediglich im Vorbeigehen an. Es macht einen leicht keltischen Eindruck, und der Hochnebel, wie ich das ganze mal freundlicherweise nenne, unterstützt diese Wirkung noch.
Als ich gerade dabei bin, meine letzten Fotos von hier zu machen, holen mich Claudio und Co. wieder ein. Da diese Combo aus zwei Drittel Frauen besteht und dieses Dorf über diverse kleine Läden verfügt, denke ich gar nicht erst daran, „kurz“ zu warten und ziehe weiter, um die letzte Passhöhe des Caminos zu überwinden(→ SV). Nachdem selbige hinter mir liegt, passiere ich ein Dorf an der Landstraße, das über eine Herberge verfügt, bei der ich theoretisch für heute Schluss machen könnte. Aber ich entscheide mich, aufgrund meiner noch immer guten Verfassung, noch den Abstieg auf mich zu nehmen und in das gut 12 km entfernte Triacastella weiter zu ziehen.

kurz vor der galizischen Grenze
kurz vor der galizischen Grenze

Kaum habe ich das beschlossen, da erlebe ich ein Naturschauspiel, das ich so bisher nur in entsprechenden Filmen gesehen habe: Direkt vor mir schiebt sich plötzlich eine dicke Nebelwand, oder in dieser Höhe dann wohl doch eher eine Wolke, die Straße rauf. Dies macht sie mit beindruckend hoher Geschwindigkeit – genau auf mich zu. Also dauert es nur gefühlte Sekunden, und ich laufe wieder durch eine dicke feuchte Suppe.
Der direkt darauf folgende Abstieg hat es mal wieder in sich und scheint nicht enden zu wollen. Die schon vom Aufstieg bekannten Kuh-Beigaben drohen einem auch hier zu ungewollter Beschleunigung zu verhelfen. Die Frage, warum Pilgerschuhe gern mal riechen, sollte noch mal neu gestellt werden.
Triacastella verfügt gleich über mehrere Herbergen, und so steuere ich gemäß meiner Erfahrungen erst die Vorletzte an. Die ist allerdings schon längst voll, was man denn von der letzten wiederum überhaupt nicht sagen kann (→ SV). Im Gegenteil. Ich bekomme ein sehr großzügiges 8-Bett-Zimmer mit kleinem Schreibtisch und Blick ins Grüne für mich ganz allein. Aber noch viel mehr überrascht mich der Anblick von Claudio und Damenschaft. Zunächst wollen sie mir glaubhaft machen, sie seien bei einem meiner weiteren Café-Besuche an mir vorbeigezogen. Da es aber gar keine Einkehrmöglichkeiten mehr gab, beichten sie mir, von O Cebreiro ein Taxi genommen zu haben. Sie sind gerade dabei Essen zu kochen, zu dem sie mich einladen. Später revanchiere ich mich dann mit Nachtisch und Bier aus dem nahe gelegenen und sehr gut ausgestatteten Supermarkt. Ein toller Ort!

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