Camino Francés (Tag 28)

 

Triacastella → Sarria


 → 33 Kilometer
↑ 659 Meter

Mittwoch, 28.05.2008

 

komplett aufgeweichte Wege
komplett aufgeweichte Wege

Wie fast immer verlasse ich auch an diesem Morgen die Herberge als Letzter, nur mit dem Unterschied, dass wirklich gar kein Mensch mehr da ist. Von daher ist es mir dann auch nicht mehr möglich, meiner Firma eine Antwort auf eine Mail zu schreiben, die ich hier am Vorabend gelesen hatte und später beantworten wollte. Nun kann ich es nicht mehr, da der Rechner gesperrt und nicht mal mehr der Herbergsvater da ist. Also sammel ich meine Wäsche zusammen, die ich mit der von Claudio zusammen gewaschen hatte, und mache mich auf den Weg. Dieser bietet heute mal wieder zwei Alternativen. Die längere sieht nach der etwas attraktiveren aus, da sie über Samos verläuft und allein schon deswegen über etwas mehr Infrastruktur verfügt. Das ist auch sehr gut so, da ich es natürlich mal wieder versäumt habe, den direkt neben der Herberge befindlichen Geldautomaten zu nutzen. In Samos denke ich dann aber daran. Außerdem besorge ich mir einen Stempel in dem relativ bekannten Kloster, das in den 60ern mal in die Luft geflogen ist, da es mit der dortigen Schnapsbrennerei wohl nicht so ganz rund lief… (→ SV)
Außerdem gibt es hier für 2,10 € mein obligatorisches Frühstück in einer gemütlichen leicht englisch anmutenden Bar.
Kurz hinter Samos verlässt man die Landstraße, auf der man bis dahin immer wieder unterwegs war. Es stellt sich leider sehr schnell heraus, dass dies eher ein Fluch den ein Segen ist: Zwar polterten bis eben noch die LKW ohne jede Rücksicht im Abstand eines abgespreizten Fingers an einem vorbei, aber nun ist man wieder konfrontiert mit dem Erfolgsrezept „Galizische Pampe“ aus den Zutaten Wasser, Erde und Gülle. Aber abgesehen von diesem wirklich zermürbenden Untergrund, schlängelt sich der Weg anscheinend völlig planlos durch die Gegend, so dass ich das Gefühl habe, meinem Ziel überhaupt nicht näher zu kommen. Als ich endlich wieder Zivilisation erreiche, bin ich mir sicher, 50 km gelaufen zu sein, und dabei gerade mal 1 km Luftlinie zurückgelegt zu haben.

Anwesen im Nirgendwo
Anwesen im Nirgendwo

Dementsprechend glücklich bin ich, als ich die Landstraße wieder höre und noch viel glücklicher, als ich kurz darauf ein Café erreiche, da der Regen nämlich gerade mal wieder stärker wird. Nur leider ist es verschlossen. Aber als ich gerade weiterziehen will, kommt mir im strömenden Regen eine ältere Dame entgegen gelaufen, die mir die Bar aufschließt, einen Kaffee macht und mich dann wieder in diesen recht dunklen Räumlichkeiten allein lässt. Durch einen Türspalt beobachte ich den Regen draußen.
Als es wieder etwas trockener ist, verlasse ich die Bar und mache mich an das letzte Stück nach Sarria, das von nun an nur noch der Landstraße folgt.
In Sarria angekommen, scheint nicht nur die Sonne, sondern ich begegne auch vielen alten Bekannten. Die ersten sind die beiden Norwegerinnen, die plötzlich oberhalb einer langen Treppe auftauchen. Später spricht mich plötzlich jemand von hinten bei meinem Namen an, jemand, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe: Daniel, der Kanadier steht plötzlich vor mir und fragt mich, ob wir etwas trinken gehen wollen. Das lasse ich mich natürlich nicht zweimal fragen. Und so stehen wir gleich darauf zusammen mit einer jungen Mexikanerin, die ich hier kurz vorher kennengelernt habe, in einer Bar. Dass auch die Norwegerinnen hier sitzen, überrascht mich nicht wirklich. Irgendwie ist es auf einmal ein wenig wie nach Hause kommen. Auch später bewege ich mich in der Stadt fast so wie auf einer riesigen Party, bei der man andauernd bei irgendwelchen Leuten kurz hängen bleibt, weil man sie von irgendwo her kennt.
Die Herberge befindet sich mitten im Zentrum und ist mit 8,- € zwar etwas teurer, aber gleicht auch ein wenig einem Hotel (→ SV). Das erste Mal gibt es bezogene Bettwäsche.
Das Pilgermenü nehme ich zusammen mit der Mexikanerin und einem sehr jungen Mann aus Seattle ein. Sie erzählt unter anderem, dass sie gerade erst gestartet sei, eine sehr schlechte Läuferin wäre und nicht mehr als 15 km am Tag laufen werde.
Na, dann habe ich sie wohl das erste und auch letzte Mal getroffen. Schade.
Nachdem ich im Laufe des Nachmittags bereits feststellte, dass es in meinem Zimmer einen Frischluft-Verächter geben muss, weil die von mir geöffneten Fenster immer wieder verschlossen werden, beschließe ich noch am späteren Abend, nach dem allgemeinen Schlafengehen, das Zimmer zu wechseln. So verbringe ich den Rest der Nacht schon wieder in einem völlig leeren und frisch belüfteten 8-Bett-Zimmer.

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