Camino via Podiensis (Tag 04)

 

Saugues → Les Faux


 → 26,9 Kilometer
↑ 254 Meter

Samstag, der 10.07.2010

 

Morgenidylle
Morgenidylle

In der Nacht ist über uns ein kräftiges Gewitter hinweggezogen, was das Schnarchen meiner beiden Zimmergenossinnen entsprechend relativiert hat. Diese sind am Abend erst so gegen 23:00 Uhr zurückgekommen, allerdings heute Morgen trotzdem noch vor mir wieder aufgebrochen. Aber auch ich bin noch vor 7 Uhr bereits wieder auf dem Weg nach Santiago – oder in meinem Fall nach St. Jean-Pied-de-Port. Es stehen ca. 35 km an, und ich weiß im Moment nicht so genau, wie ich die Sache mit der Verpflegung lösen soll. Die Geschäfte haben natürlich alle noch zu. Aber jetzt bis 9 Uhr zu warten wäre bei der bevorstehenden Strecke auch nicht so klug – außerdem will ich das auch nicht. Und der nächste Ort mit etwas Infrastruktur ist gute 10 km entfernt. Also spiele ich mal wieder Camino und lasse es drauf ankommen. Die Landschaft zeigt sich heute Morgen besonders malerisch. Wahrscheinlich des Regens in der letzten Nacht wegen bricht sich das Licht seine Bahnen durch den überall wabernden Morgennebel. Unterbrochen wird dieser immer wieder von den auf den Feldern stehenden Strohrollen. Allerdings registriere ich auch, dass die sich gerade erst über die Bergkämme schiebende Sonne bereits jetzt eine leicht beunruhigende Kraft hat.
Der Brunnen, den mein kleines Buch in Grezes nach ca. 7 km verspricht, scheint leider von einer sehr unauffälligen Bauart zu sein. Jedenfalls finde ich ihn nicht und kann jetzt nur hoffen, dass wenigstens das versprochene Café in gut 3 km existiert. Ansonsten würde es langsam spannend werden.
Und dann muss ich feststellen, dass ich mich leider um einen Ort vertan habe. Die im Buch stehende Chance auf eine Einkehr folgt erst nach insgesamt 15 km.

Begegnungen
Begegnungen

Aber als ich die kleine Häusersiedlung erreiche, von der ich bislang ausgehe, hier etwas zu bekommen, sehe ich endlich ein großes Holzschild, dass auf einen Hof hinzuweisen scheint, der offenbar so einiges anbietet. Ob auch so etwas wie ein Frühstück dabei ist, gilt es jetzt herauszufinden. Als ich den Hof betrete, sehe ich zwar diverse massive Holztische und Bänke – aber keine Menschenseele. Alles scheint geschlossen zu sein. Ich setze mich kurz und warte auf eine Veränderung der Situation. Und ich muss nicht lange warten: Plötzlich kreuzen so einige bekannte Gesichter auf und gesellen sich zu mir. Mit dabei ist auch Traugott in Begleitung der Holländerin Esmeralda. Und nach einiger Zeit trifft auch die junge Kanadierin ein.
Und dann taucht auch die Dame des Hofes auf und nimmt unsere Bestellungen entgegen.
Was wir dann bekommen, ist weit mehr, als ich erwartet habe. Die Sandwiches sind nicht nur riesig, sondern auch üppig belegt mit dem hofeigenen Käse. Vermutlich ist auch die Milch in dem ebenfalls sehr großen Café au lait aus eigenem Hause.
Ich komme ein wenig mehr ins Gespräch mit Traugott und Esmeralda.
An einem Wasserhahn fülle ich gleich zwei 1,5-Liter-Flaschen.
Der Aufbruch verläuft dann wieder zeitversetzt. In einigem Abstand vor mir läuft die Kanadierin. Und obwohl ja eigentlich ich meistens derjenige bin, der andere Pilger hinter sich lässt, ist es in diesem Fall sie, die den Abstand nach vorn immer weiter vergrößert. Aber ich denke nicht, dass sie dies bewusst macht, zumal sie während der Pause einen recht aufgeschlossenen Eindruck machte.

Domaine du Sauvage
Domaine du Sauvage

Zwischenzeitig habe ich erfahren, dass für heute noch weitere Gewitter angekündigt sind. Und tatsächlich zieht es sich immer weiter zu.
Irgendwann muss ich feststellen, dass ich die Stelle, an der man gute 6 km hätte abkürzen können, offenbar verpasst habe. Denn ich passiere gerade die Domaine du Sauvage, ein von den Templern zum Schutze der Pilger errichtetes Gut aus dem 13. Jahrhundert. Und dieses befindet sich am Umweg. Mein rechtes Knie hätte mir die eingesparten Kilometer sehr gedankt! Und auch meine Füße äußern so langsam einen gewissen Unmut.
Die ersten dicken Tropfen fallen auf mich und auf die Straße. Sie wird aber nicht wirklich nass, weil sie so aufgeheizt ist, dass gleich wieder alles verdunstet. Dementsprechend wird es immer schwüler. Und vor mir taucht nicht nur langsam der angekündigte Berg auf, der einen sehr steilen Abstieg mit sich bringen soll, sondern auch eindrucksvoll dunkle Wolken, aus denen es immer wieder grollt. Aber die anvisierte Herberge ist immer noch einige Kilometer entfernt. Da sehe ich plötzlich an einer Feldwegkreuzung einen Hinweis auf eine Unterkunft, die hier gut einen Kilometer abseits des Weges gelegen ist. Ich zögere kurz, entscheide mich dann aber doch, weiter zu ziehen – allerdings nur wenige hundert Meter, denn das Grollen in den Wolken ist mir dann doch etwas zu nachdrücklich, und ich steuere die angebotene Gîte an (→ SV).
Dort komme ich für 24,- € incl. Abendessen in einem länglichen Schlafraum mit ca. 25 Betten unter. Er befindet sich unter dem Dachgiebel und ist bislang noch leer. Eine Etage tiefer befindet sich ein recht gemütlicher Aufenthaltsraum mit kleiner Kochgelegenheit.
Ich lege ich mich eine Weile hin und werde wieder wach von einem sehr kräftigen Prasseln, das von den Dachfenstern her kommt. Hmm, vielleicht hätte ich es noch bis zu der anderen Herberge geschafft, aber wenn nicht, dann hätte mich das definitiv die Trockenheit meines gesamten Rucksackinhaltes gekostet!
Nach einiger Zeit taucht noch ein junges französisches Paar auf und kurz darauf auch wieder Fabienne und Catherine, die inzwischen in Begleitung einer Kanadierin mit Namen Suzanne sind.
Sie fragen mich, ob ich die Übernachtung auch mit Essen gebucht hätte, und ob ich mit an ihrem Tisch sitzen wolle. Aber gern. Allein schon, weil ich dann nicht mehr so hilflos bei der Wahl des Essens bin.
Und so gibt es als Vorspeise eine Suppe, eine Art Gulasch als Hauptgang und zum Nachtisch wird vor uns ein riesiger Teller mit 7 Käsesorten platziert. Im ersten Augenblick frage ich mich was wir 4 mit dieser Unmenge anstellen sollen, aber dann stellt sich heraus, dass diese Platte für alle hier im Raum gedacht ist und nur bei uns der Anfang gemacht wird. Wir sitzen noch bis ca. 22:00 Uhr dort und unterhalten uns, ehe es wieder in den Schlafraum geht.

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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