Camino via Podiensis (Tag 10)

 

Le Soulié → Conques


 → 14,6 Kilometer
↑ 270 Meter

Freitag, der 16.07.2010

 

Espeyrac
Espeyrac

Leider war die Nacht nicht ganz so ruhig, wie man es bei der idyllischen und einsamen Lage der Herberge hätte erwarten können. Irgendwo in unserem kleinen Häuschen dröhnte über die ganze Nacht in regelmäßigen Abständen ein Wäschetrockner. Trotzdem brechen wir alle in den frühen Morgenstunden gut ausgeruht auf. Wir nehmen draußen noch ein kleines Frühstück zu uns und beschreiten dann, wieder in einigem Abstand, den Camino. Es dauert allerdings nicht lange, und ich hole Jennifer ein. Und so erreichen wir gemeinsam den nächsten Ort Espeyrac, in dem ich mir in einem kleinen Supermarkt eine Flasche Wasser besorge. Den Kaffee gibt es dann erst in der darauf folgenden Ortschaft Senergues. Während Jennifer und ich diesen draußen in der Sonne sitzend genießen (→ SV), trifft auch Leo ein. Sie berichtet uns davon, dass sie gerade von einer Spinne in den Finger gebissen wurde, und dass ihr nun ein wenig schwindelig sei. Hmm. Etwas merkwürdig. Nur kurze Zeit, nachdem sie weitergezogen ist, gesellt sich Agnes zu uns. Sozusagen als Ablösung für Jennifer, die kurz darauf aufbricht.
Ich verweile da noch eine Weile, ehe auch ich mich auf den Weiterweg mache.
Es ist schön, so schnell wieder ein paar nette Leute um sich herum gefunden zu haben. Zumal Jennifer sogar Französisch spricht, obgleich sie aus dem englischsprachigen Teil Kanadas kommt. Aber leider ist diese Gesellschaft nur von sehr begrenzter Dauer. Sowohl Jennifer als auch Agnes werden schon in den nächsten beiden Tagen abreisen.

Die Sonne hat die anfängliche Morgenfrische längst vertrieben, und ich habe mal wieder meine Wasserflasche irgendwo zurückgelassen. Leider folgen nun aber keine weiteren Einkehrmöglichkeiten mehr. Die heutige Strecke ist mit gut 15 km zwar recht kurz, aber auch weitestgehend schattenfrei. Von daher kann ich nur hoffen, dass ich demnächst zumindest mal an einem Brunnen oder dergleichen vorbei komme. Aber es dauert noch ziemlich lange, bis ich endlich eine kleine Ortschaft erreiche, in der es wenigstens eine öffentliche Toilette gibt. Hier hänge ich mich direkt unter den Wasserhahn.

Conques
Conques

Bis Conques ist es nun nicht mehr weit. Es folgt nur noch ein kleiner, aber recht steiler Abstieg und direkt danach, unmittelbar vor dem Ortseingang, treffe ich wieder auf Jennifer und Leo. Wir sind alle drei geradezu überwältigt vom Anblick dieser kleinen Stadt. Sie sieht aus, wie die Kulisse für einen Film aus dem Mittelalter. In ein kleines Tal schmiegen sich die alten Häuser und Gassen, in deren Mitte die über die Grenzen hinaus bekannte Kathedrale alles dominiert. Ich weiß gar nicht was und wie ich alles fotografieren soll!
Trotzdem schaffen wir es irgendwie doch noch, die bei der Kathedrale liegende Herberge zu erreichen (→ SV).
Jennifer und ich machen uns ans Einchecken. Sehr zu Jennifers Enttäuschung kommt man hier leider nicht gegen eine Spende unter. Und da sie bereits seit Wochen und insgesamt für Monate in Europa unterwegs ist, muss sie sehr auf ihre Ausgaben achten. Also fragt sie, als wir beide im Büro der des Klosters stehen, ob es nicht auch möglich sei, die Übernachtung mit einer freiwilligen Abgabe zu begleichen. Und da es sich um eine gemeinnützige Einrichtung handelt, wird hier natürlich niemand wieder auf die Straße geschickt. Also trägt die freundliche Dame unsere Daten ein und fragt Jennifer, die sich unserer beider Formalitäten angenommen hat, welches unsere Muttersprachen seien. Nachdem Jennifer ihr dies beantwortet hat, folgt noch eine weitere Frage, die irgendetwas mit der heutigen Messe in der Kathedrale zu tun hat. Da ich aber nichts verstehe, und einfach mal davon ausgehe, dass diese Sprachen jetzt wohl mit einem Satz beim Segen berücksichtigt werden, denke ich mir nichts dabei, als Jennifer dies mit einem „Oui“ quittiert.
Als wir später unser Zimmer beziehen, tauchen auch Leo und Agnes hier wieder auf. Aber vor allem gibt es ein großes Wiedersehen mit Fabienne & Co. Außerdem mit im Zimmer sind auch eine junge Deutsche etwa Mitte 20 sowie ein Schweizer schätzungsweise in meinem Alter. Sie sind mir bereits der deutschen Sprache wegen aufgefallen, als sie in den Ort eintrafen.
Ich beschließe zusammen mit Jennifer, dass wir die Idee, eine Facebook-Gruppe zu gründen, hier und jetzt umsetzen. Damit hätte dann ab jetzt jeder die Chance, hier gemachte Bekanntschaften sowie Fotos dort wiederzufinden. Gesagt getan.
Ich haue mich kurz auf’s Bett. Als Jennifer damit fertig ist, ihre Sachen zu sortieren, fragt sie mich, ob ich noch weiter liegenbleiben möchte, oder ob ich mit ihr eine Runde durch den Ort drehen wolle. Was für eine Frage!

am Dourdou
am Dourdou

Und so ziehen wir durch die Gassen und über die Plätze, kaufen in einem sehr kleinen, urigen Laden ein wenig Obst, das wir dann unter einem alten Baum neben der Kathedrale vertilgen. Außerdem lade ich Jennifer noch zu einem großen Bier in einer sehr netten Bar ein. Dabei erfahre ich von ihr, dass die Frage nach unserer Muttersprache vorhin den Zweck hatte, jemanden zu finden, der heute Abend in eben dieser ein Gebet in der Kathedrale spricht. Ich traue meinen Ohren nicht! „Wie bitte!?“.
Aber vorher ist noch das gemeinsame Abendessen im Kloster angesagt. Und so sitzen wir alle mit schätzungsweise rund 90 anderen Pilgern in einem großen Saal bei angeregten Gesprächen. Es gibt Lasagne und Salat, sowie Kuchen zum Nachtisch.
Bald darauf begeben wir uns dann zur Pilgermesse. Die, die das Gebet sprechen, sollen sich für die kurzen Instruktionen bereits etwas früher einfinden. Außer Jennifer und mir sind auch Fabienne sowie eine mir unbekannte Pilgerin mit dabei. Wir bekommen alle einen kleinen Zettel mit einem kurzen Gebet in unserer jeweiligen Sprache in die Hand gedrückt sowie die Einweisung, wann und wie wir den Altar zu betreten haben. Danach werden wir in der ersten Reihe platziert. Und nachdem der Priester ein paar Worte gesprochen hat, erklimmen wir alle das Podest, reihen uns hinter dem Pult auf und sprechen dann einer nach dem Anderen die uns vorgegebenen Worte in dieser großen Kirche. Das wäre überstanden!
Anschließend findet hier noch ein 1 ½-stündiges, kostenpflichtiges Konzert statt, dass wir aber beschließen, nicht mehr zu besuchen. Also verweilen wir noch eine Weile draußen vor der Kathedrale, bis Jennifer sich in die Herberge zurückzieht und ich noch eine kurze Runde durch die kleinen Gassen drehe, um die Abendstimmung in ein paar Bildern festzuhalten.

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