Camino via Podiensis (Tag 22)

 

Lectoure → Condom


 → 32 Kilometer
↑ 105 Meter

Mittwoch, der 28.07.2010

 

bei Lectoure
bei Lectoure

Um 7:30 Uhr und damit zu inzwischen fast ungewohnt früher Stunde, sitzen Steffi und ich bei Weißbrot und Marmelade am Frühstückstisch des Klosters.
Gegen 8:30 Uhr brechen wir dann auf und haben nur kurze Zeit später die Tore der Stadt hinter uns gelassen. Unser heute anvisiertes Ziel trägt den nach einer Kalauer-Kasse schreienden Namen Condom. Die in hier verdächtig zahlreich vertretenden „Hygiene-Automaten“ stehen sicherlich nicht mit der Nähe zu dieser Stadt im Zusammenhang.
Die heutige Strecke hat offiziell eine Länge von 33 km. Es ist aber auch möglich auf 25 km abzukürzen, wenn man eine etwas abseits liegende Stadt auslässt. Da diese aber die einzige kulturelle Station auf dem ja nun nicht ganz so kurzen Weg ist, tendiere ich dazu, diesen Umweg in Kauf zu nehmen. Aber das werde ich entscheiden, wenn ich an der entsprechenden Weggabelung angekommen bin. Auch Steffi will es so handhaben. Andreas hingegen hatte vorab angekündigt, dass er auf diesen Bonus keinen gesteigerten Wert legt. Trotzdem will er an dem Abzweig auf uns – oder wahrscheinlich eher auf Steffi – warten.
Ich habe zwar nicht unbedingt das Gefühl, dass Steffi mal wieder für sich sein möchte, aber trotzdem ziehe ich zwischendurch mal das Tempo an und lasse sie für eine Weile zurück.

bei Romieu
bei Romieu

Sie hat mich seit einiger Zeit wieder eingeholt, da entdecken wir vor uns Andreas, der offenbar auf uns wartet. Genau an dieser Stelle gilt es nämlich, sich zu entscheiden, ob man den Umweg über La Romieu machen möchte. Ich bleibe bei meinem Entschluss. Und auch Steffi ist sich nun sicher, diesen Schlenker mitnehmen zu wollen. Da meint Andreas plötzlich fast vorwurfsvoll, dass er sich das Warten dann ja hätte sparen können. Am liebsten würde ich sagen, dass ihn da ja nun wirklich niemand drum gebeten hätte. Aber da diese Klage eher gegen Steffi ging, halte ich mich da mal raus. Er dachte halt, sie begleiten zu müssen, hätte sie die Abkürzung nehmen wollen, da dieser Abschnitt unter Umständen ja nicht so gut markiert ist. Nun ja – sie ist zwar erst Anfang 20, aber ja offensichtlich selbstständig genug, um von München nach Santiago zu laufen. Aber wie gesagt: das ist deren Sache. Interessanterweise will nun auch Andreas diese Bonusrunde machen. Und so kehren wir zu dritt in einer netten Bar (→ SV) der durch ihre Kathedrale geprägten Stadt ein.
Auch die folgenden Kilometer ziehen wir gemeinsam weiter. Als einige im Schatten stehende Bänke mit Tischen zu einer weiteren Pause einladen, lassen wir uns erneut nieder. Die Beiden widmen sich ihrem Proviant und ich, an einem der anderen Tische, meinen unbedeutenden aber vorhandenen Blasen.
Danach ziehe ich vor und lasse die Beiden erst mal zurück.
Im Laufe des Weges kommt mir der Gedanke, ob es nicht sowieso mal wieder an der Zeit ist, sich zu lösen und somit eventuell noch mal ein paar neue Bekanntschaften zuzulassen. Zwar hat Steffi sich als sehr angenehme Wegbegleiterin entpuppt, aber ich muss doch feststellen, dass Andreas mit seiner letztendlich auch mir gegenüber sehr väterlichen Art und seinem eher gemäßigten Temperament die Freiheit einschränkt, die ich an einem Camino so schätze. Auf der anderen Seite haben die letzten Tage gezeigt, dass hier so viele „Alternativen“ nicht unterwegs sind. Von daher beschließe ich einfach, das Schicksal spielen zu lassen. Ich werde mir in Condom eine Herberge im Alleingang suchen und entweder die Beiden tauchen dort ebenfalls auf und wir ziehen gemeinsam weiter, oder eben nicht.

Pilgergruß vor Condom
Pilgergruß vor Condom

Als ich aber den Ortseingang erreiche, muss ich feststellen, dass es hier offenbar sehr viele Herbergen gibt. Und da ich weiß, wie einsam Caminonachmittage sein können, und da die letzten Tage mit den beiden ja doch definitiv sehr kurzweilig waren, setze ich mich auf eine Bank und warte doch auf die Ankunft der Beiden. Dabei gebe ich mir aber ein Zeitlimit von 30 Minuten, denn es besteht ja auch die Möglichkeit, dass sie in einer vorangegangenen Herberge eingekehrt sind oder mal wieder draußen schlafen.
Es dauert tatsächlich gute 20 Minuten, bis die Beiden doch noch auftauchen. Ich gestehe ihnen, dass ich mit dem Gedanken gespielt hatte, Schicksal zu spielen und es dann doch verworfen hatte. Noch bevor wir die Herberge aufsuchen, kehren wir in ein weiteres Sportgeschäft ein. Ich habe fast das Gefühl, dass Andreas in seiner väterlichen Art mehr Interesse an neuen Einlegesohlen für Steffi hat als sie selbst. Dieses Verhalten unterstreicht er am Ende, indem er auch noch das Zahlen übernimmt!
Unweit des Geschäftes befindet sich die Gîte Communal. Es handelt sich wieder mal um eine ehemalige Schule deren Tor aber leider verschlossen ist. Andreas macht sich umgehend auf die Suche, irgendwie auf das Gelände zu kommen. Und einige Minuten später macht er uns die Tür von innen auf. Er hatte offenbar eine Stelle gefunden, an der er über die Mauer klettern konnte.
Nach dem Überqueren des Hofes betreten wir ein altes und recht großes Gebäude. In der zweiten Etage beziehen wir eines der Zimmer. Zwischenzeitlich erscheint auch die Herbergsmutter und nimmt unserere Personalien auf. Im „Casino“ haben wir uns unter anderem wieder mal Pizzen geholt. Da der Ofen aber leider nicht funktioniert, improvisieren wir und bereiten sie einfach in der Pfanne zu. Wir sind überrascht, wie gut das funktioniert!
Später sitzen Steffi und Andreas im Hof auf einer Bank. Ich beschließe, noch mal in die Stadt zu ziehen um eventuell ein paar Fotos zu machen. „Ich komme mit. Du auch?“ fragt Steffi Andreas. Und schon sind wir wieder zu dritt unterwegs. Mich stört’s nicht, aber ich bin mir nicht sicher, wie Andreas dazu steht, dass Steffi offenbar meine Gesellschaft sucht.
Zu späterer Stunde sitzen wir wieder mal mit Bier bewaffnet auf ein einer Bank gegenüber der Kathedrale. Ich löse mich zwischendurch von den Beiden um noch ein paar Abendbilder zu schießen. Außerdem hoffe ich noch irgendwo eine Zigarre zu bekommen, da mir heute Abend einfach danach ist. Aber leider gehe ich leer aus.
Ich setze mich wieder zu den Beiden, und wir sind noch recht lange in das Thema Sinn eines Caminos vertieft, bevor wir dann gegen 23:30 Uhr zusammen in unsere Herberge zurückkehren.

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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