Camino via Podiensis (Tag 26)

 

Dubarry → Miramont-Sensacq


 → 34,7 Kilometer
↑ 120 Meter

Sonntag, der 01.08.2010

 

weiterer Herbergsbewohner
weiterer Herbergsbewohner

Da man nach 9 Uhr in der Regel niemanden mehr in einer Herberge antrifft, haben wir das Gebäude inzwischen für uns allein. Wir stellen uns aus den Resten, die die Küche noch so hergibt, unser Frühstück zusammen. Als wir aufbrechen, geht es schon stark auf 11:00 Uhr zu.
Nach gut 1,5 km stellt Steffi plötzlich ganz erschrocken fest, dass sie offenbar ihr Handy unter ihrem Kopfkissen vergessen hat. Ich frage sie noch mal, ob sie sich wirklich sicher ist und schnalle dann meinen Rucksack ab, um im Laufschritt zur Herberge zurück zu laufen. Dort angekommen werde ich tatsächlich fündig und starte ein zweites Mal die Etappe.

Das Wetter ist heute leider nicht mehr so freundlich wie die letzten Tage. Im Gegenteil, es sieht sogar eher nach einem Gewitter aus. Dies versucht uns auch eine ältere Dame zu vermitteln. Sie steht in ihrem Garten und weist uns mit finsterer Mine auf die auf die dunklen Wolken hin.
Und tatsächlich geht nur kurze Zeit später ein Gewitter nieder, das uns zum Glück nur am Rande streift. Aber der Himmel bleibt weiterhin tief wolkenverhangen. Und auch die Landschaft ist heute eher unscheinbar. Umso mehr sehnen wir uns nach einer Einkehrmöglichkeit. Und so entern wir die erste Bar (→ SV), die sich uns beim Eintreffen in Aire-sur-l’Adour bietet. Diese ist allerdings auch wirklich nur geografisch gesehen die erste Wahl. Ansonsten macht sie einen recht dunklen und etwas rumpeligen Eindruck. Aber der Wirt bietet uns ganz stolz seine Fußmassage-Wanne an. Nett gemeint. Nur ist es wirklich das letzte, was man machen sollte: Mitten in einer Wanderung seine Füße aufweichen. Steffi schreibt Andreas eine SMS, mit der Info über unsere Position. Sie fragt, ob und wann wir uns denn treffen wollen. Die Antwort kommt prompt. Wörtlich schlägt er ihr vor, dass man sich in Arzacq-Arraziguet treffen könne – einem etwas größeren der noch folgenden Orte. Wir wundern uns noch, dass er sich dabei nur an SIE wendet, obgleich sie zuvor von UNS schrieb. Aber dann realisieren wir, dass sie ihr Handy erst kurz vorm Schreiben seit langem wieder eingeschaltet hat. Von daher wird seine SMS sehr wahrscheinlich schon älter sein, und ihre Frage nur zufällig beantwortet haben.

Aire-sur-l'Adour
Aire-sur-l’Adour

Wir ziehen weiter und durchlaufen den Ort, obwohl hungrig, ohne weitere Einkehr. Erst einige Kilometer dahinter lassen wir uns an einem See nieder und zehren von unserem Proviant.
Nachdem wir das Gewässer zu einem Drittel umrundet haben, betreten wir den wohl ödesten Abschnitt des gesamten Camino via Podiensis. Von nun an laufen wir nur noch zwischen mannshohen Maisfeldern hindurch. Dementsprechend bekommen wir von dieser Gegend nichts zu sehen, außer dem endlos scheinenden Wirtschaftsweg vor uns. Wir stellen beide fest, wie gut es ist, dass wir diese Strecke nicht im Alleingang laufen müssen. Zusammen mit dem immer noch grauen Himmel hätten uns diese geradezu surrealen kanalähnlichen Wege, die sich über fast 15 km erstrecken, an den Rand des Wahnsinns getrieben. So registrieren wir lediglich eine leichte Melancholie. Doch zum Glück ist dieser Abschnitt nur scheinbar unendlich, und so erreichen wir zu fortgeschrittener Stunde Miramont-Sensacq.

Ortseingang von Miramont-Sensacq
Ortseingang von Miramont-Sensacq

Der Ort steht seiner Umgebung in Sachen Ausstrahlung in nichts nach. Und als wir dann die Herberge, die mal wieder eine städtische ist, verschlossen vorfinden, beschließen wir weiterzuziehen. Das Gebäude sagt uns eh nicht besonders zu. Erst recht nicht nach unseren letzten Erfahrungen. Laut Wanderführer soll es da noch eine weitere Unterkunft geben, deren Beschreibung recht vielversprechend ist. Als wir gerade wieder auf die Straße treten, hören wir plötzlich jemanden hinter uns meinen Namen rufen. Es ist Traugott, der da zusammen mit der Herbergsmutter die Straße heraufkommt. Es gibt ein großes Wiedersehen und er weist uns darauf hin, dass wir jetzt auch hier einchecken können. Da unser Plan ja eigentlich ein anderer ist drucksen wir einen Augenblick herum und entscheiden uns doch noch mal die andere Gité zu inspizieren, auch auf die Gefahr hin, dass dies Traugott eventuell etwas brüskiert. Als wir aber dann nur wenige Meter weiter an ein Hinweisschild auf unser erklärtes Ziel kommen, erfahren wir, dass sich die Herberge gar nicht hier im Ort befindet, sondern weitere 3 km entfernt. Also machen wir auf dem Absatz kehrt und lassen uns ebenfalls hier nieder.
Das Haus ist zwar wirklich etwas nüchtern, aber wir werden sehr freundlich aufgenommen. Außerdem entspricht das Niveau dieser Unterkunft mindestens dem Standard der sonst üblichen Gités. Wir sind halt nur etwas verwöhnt von den letzten Tagen.
Die Frau nimmt sich unserer Pilgerpässe an und fragt uns etwas auf Französisch, dass wir nicht richtig verstehen. Traugott, der neben uns steht, übersetzt uns, die Frage, ob wir beide ein Zimmer für uns haben oder bei den anderen unterkommen möchten. Und ehe wir eine Chance haben zu reagieren, suggeriert Traugott, dass wir doch sicher auch bei denen mit ins Zimmer wollen. Was er so direkt an die Herbergsmutter weitergibt. Es dauert einen Augenblick, bevor sich meine Faszinations-Starre wieder löst und ich mich mit unserem Schicksal abfinde. Es gibt durchaus angenehmere Bedingungen für die Nacht als mit drei älteren Herren in einem Raum zu schlafen.
Wir machen uns nur kurz fertig, duschen und gesellen uns dann zu den Anderen, die bereits an einem großen Tisch beim Essen sitzen. Sehr zur Freude Steffis gibt es auch ein vegetarisches Gericht.
Danach machen wir uns beide noch mal in der anbrechenden Dunkelheit auf zur nahegelegenen Kirche. Sie befindet sich auf einem Hügel und ist von einem kleinen Park umgeben. Sterne sind heute eindeutig nicht im Angebot. Dafür fängt es aber nach kurzem an zu regnen. Und als der Regen immer stärker wird, kehren wir zurück zur Herberge. Wir verbringen noch eine ganze Zeit allein in der Küche, ehe auch wir uns in unsere Betten zurückziehen.

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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