Camino via Podiensis (Tag 27)

 

Miramont-Sensacq → Arzacq-Arraziguet


 → 15,7 Kilometer
↑ 106 Meter

Montag, der 02.08.2010

 

malerischer Wegesrand
malerischer Wegesrand

Als wir fast obligatorisch die Herberge als letzte verlassen, ist das Wetter leider nicht freundlicher als gestern. Aber zumindest regnet es nicht. Außerdem haben wir offenbar den schlimmsten Teil der Maisfeld-Monotonie hinter uns. Wirklich spektakulär ist die Gegend aber auch heute nicht. Das anscheinend einzig wirklich Erwähnenswerte ist die laut Wanderführer gut 1.000 Jahre alte Chapelle Sensacq, welche wir ziemlich bald erreichen. Wir betreten das alte Gemäuer und sehen uns in dem ziemlich dunklen Raum um. Ich bin gerade im Begriff, wieder zu gehen, da ruft Steffi mich plötzlich zu sich. Sie steht am Altar vor einem aufgeschlagenen Buch. Es ist ein Gästebuch, und sie zeigt mir einen Eintrag. Er ist von gestern und stammt von Andreas. Er schreibt, dass er allen Pilgern einen guten Weg wünscht. Und weiter: „Ich hoffe, dass ich Steffi und Stefan morgen treffen werde. Oder spätestens in St. Jean.“
Das „Morgen“ wäre also heute. Aber eben eine Tagesetappe weiter. Aber da Steffi ihr Handy weiterhin auslässt, werden wir uns da wohl auch weiterhin nicht synchronisieren. Da es in erster Linie ihre Sache ist, weil sicher auch ihr weiterer davon Camino abhängt, werde ich ihr da kaum reinreden.
Wir passieren einige kleine Orte. In einem davon, Pimbo, machen wir eine kleine Pause vor der alten Kirche. Eine Bar existiert hier nicht. Aber in der kleinen Touristenformation gibt es Heißgetränke aus dem Automaten.

Kirche in Pimbo
Kirche in Pimbo

Zwar ist der Weg heute nicht mehr so eintönig wie gestern, aber trotzdem haben wir in den vergangen Tagen definitiv Eindrucksvolleres erleben dürfen. Und auch in Sachen Herberge sehnen wir uns nach gerade mal einer „normalen“ Gité wieder zu den Superlativen der Tage davor zurück. Und als wir nach nur 12 km an einem sehr malerischen Hof vorbeikommen (→ SV), der offenbar auch als Gité fungiert, sind wir hin und her gerissen. „Ja, dass sieht wirklich sehr nett aus! Aber es ist erst 13:00 Uhr!“
Nein. Es ist wirklich noch etwas früh. Also ziehen wir widerwillig weiter. Nach nur wenigen hundert Metern fängt es leicht an zu tröpfeln. Und ich denke laut. „Ja, dass wäre doch eine wunderbare Entscheidungshilfe: Ein heftiger Wolkenbruch.“ Also mache ich voller Übermut ein paar beschwörenden Gesten Richtung Himmel. Und dann trauen wir beide unseren Augen nicht! Während Steffie ein ungläubiges: „Was bitte ist denn das?“ von sich gibt, kann ich nur noch lachen! Wir machen auf dem Absatz kehrt und rennen so schnell es mit unseren Rucksäcken nur geht zurück zu der Herberge. Uns auf den Fersen: Eine massive, wie mit dem Messer geschnittene Regenwand, die direkt hinter uns her zieht. Solange wir unser Tempo halten, erwischen uns nur wenigen Tropfen. Es wirkt wie in einem Zeichentrickfilm. Und so erreichen wir den Hof tatsächlich trockenen Fußes.
Zunächst stellen wir uns nur unter ein Vordach im Innenhof. Trotz dieses Winks mit dem Zaunpfahl, beschließen wir, nur den Regen abzuwarten und dann wieder aufzubrechen. Es dauert nicht lange, und von dem Wolkenbruch bleiben nur noch wenige Tropfen. Also weiter. Allerdings meint Steffi, dass eine Toilette nicht schlecht wäre. Also klopfe ich an die Tür des Hauses, das doch einen sehr privaten Eindruck macht. Dementsprechend unbehaglich fühle ich mich, als ich die Frau, die uns öffnet, um einen Kaffee und Ihre Erlaubnis für die Benutzung ihrer Toilette bitte. Aber sie lässt uns ganz selbstverständlich hinein.
Das Haus ist von innen noch uriger, als von draußen. Die Küche, der Wohn- und der Essensraum gehen ineinander über. Sie bittet uns, Platz zu nehmen und macht sich ans Kaffeekochen. Nur kurz darauf taucht auch der Herr des Hauses auf und gesellt sich zu uns. Er ist ein sehr witziger Typ. Wir kommen ins Gespräch – oder besser: Er und Steffi. Denn er kann leider nur Französisch. Trotzdem wendet er sich auch immer wieder an mich und Steffi übersetzt. Aber vor allem flirtet er immer wieder mit meiner Begleiterin. Er schenkt Kaffee nach und bietet uns von seiner Schokolade an. Dann bittet er uns, mit einem Stift eine Signatur in der Toilette zu hinterlassen. Das scheint hier offenbar so etwas wie eine Tradition zu sein, denn der kleine, mit weißem Holz getäfelte Raum ist über und über mit hunderten von Namen und Sprüchen übersät. Also verewigen auch wir uns und brechen alsbald schweren Herzens wieder auf. Er gibt uns noch einen Tipp, wie wir etwas schneller zu unserem Zielort kommen und dann ziehen wir weiter.

Volljährig ist er ja wohl!?
Volljährig ist er ja wohl!?

Die beschriebene Abkürzung finden wir zwar nicht, aber auch so ist der verbleibende Weg nicht mehr wirklich weit.
Trotzdem wünschen wir uns kurz vor dem Ortseingang von Arzacq-Arraziguet, wir wären bereits in der Herberge, denn dieses Mal macht es keinen Sinn umzudrehen und vor dem Regen wegzulaufen. Und so rennen wir mitten durch einen erneuten Wolkenbruch. Zum Glück ist es bis zu der zentral gelegen Gité nur rund 1 km (→ SV). Dort angekommen werden wir von einer Frau auf eines der Zimmer geführt. Wir teilen uns dies mit zwei jungen Französinnen, die einen recht frommen Eindruck machen. Unter anderem trällern sie die ganze Zeit Kirchenlieder vor sich hin. Nachdem wir uns häuslich niedergelassen haben, gehen wir einmal quer über den großen Platz vor der Herberge zu einem Supermarkt und decken uns dort mit Dosenravioli, Nudeln, Ratatouille, Mousse au Chocolate, Chips sowie Wein und einem Six-Pack Bier ein.
Wir breiten uns in der Gemeinschaftsküche aus, in der sich ansonsten niemand aufhält.
Wir schnappen uns den Wein und ziehen noch mal durch den inzwischen dunklen kleinen Ortskern. Auf einer der Bänke mitten auf dem zentralen Platz leeren wir die Flasche und beschließen, noch die Bar, die uns genau gegenüber liegt, aufzusuchen. Ich bestelle das erste Mal in meinem Leben einen Armagnac, für den diese Gegend ja so bekannt ist.
Irgendwann weist uns die Wirtin freundlich darauf hin, dass sie jetzt schließen möchte. Also machen wir uns auf die Suche nach einer anderen Bar. Wir werden fündig, aber auch hier nach gut 45 Minuten buchstäblich hinausgefegt. Als wir wieder auf unserem Zimmer sind, schlafen die beiden Zimmergenossinnen offenbar bereits. Dabei gibt mindestens eine von ihnen Geräusche von sich, die mit Kirchengesang nicht mehr viel zu tun haben – mit Schnarchen aber auch nur entfernt verwandt sind. Die Töne sind teilweise so irritierend, dass wir uns schwer zusammenreißen müssen, um nicht laut loszulachen.

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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