Camino via Podiensis (Tag 29)

 

Uzan → Argagnon


 → 21 Kilometer
↑ 126 Meter

Mitwoch, der 04.08.2010

 

in Pomps
in Pomps

Wenn man einen Esel im Garten hat, kann ein Hahn definitiv seine Sachen packen! Eigentlich sagt man ja, sie seinen störrisch. Aber vor allem können sie laut sein! Dieser Vertreter seiner Art fing jedenfalls schon um 6:00 Uhr an, einen unglaublichen Lärm zu machen. Trotzdem gelang es auch ihm nicht zu verhindern, dass wir das Haus erst weit nach allen Anderen verlassen. Wir machen uns sogar zu einer rekordverdächtig späten Zeit, um 11:00 Uhr, auf den Weg.
In dem Ort, der gestern als Alternative für unsere Übernachtung in Frage kam, ziehen wir direkt an der Herberge vorbei. Es scheint sich um eine umfunktionierte Sporthalle zu handeln (→ SV). Da haben wir also ganz offensichtlich alles richtig gemacht. Nur wenige Meter weiter erreichen wir einen kleinen Laden, der eventuell sogar ein Frühstück für uns haben könnte (→ SV). Dazu müsste er allerdings erst einmal öffnen. Laut Schild soll das in genau 15 Minuten geschehen. Und tatsächlich taucht nicht viel später eine Frau auf und lässt uns ein. Wir erwerben alles, was wir für ein Sandwich benötigen und bereiten uns dies draußen an einem Tisch zu. Außerdem gibt’s einen Becher Kaffee und für Steffi die heiß ersehnten Zigaretten.
Wir marschieren weiter und stoßen später im kleinen Ort Castillon auf eine Art Scheune, die offenbar als Pilgerstopp hergerichtet ist. Drinnen steht eine Menge Gerümpel herum, darunter aber auch einige Sitzgelegenheiten. Als Getränk gibt es zur Zeit leider nur Wasser. Und so ziehen wir bald weiter. Bis nach Arthez-de-Béarn, einem potenziellen Herbergsort, ist es nicht mehr weit.

das Ziel vor Augen: die Pyrenäen
das Ziel vor Augen: die Pyrenäen

Es ist kurz vor 15:00 Uhr als wir die ersten Häuser erreichen. Da die Geschäfte aber erst um Punkt 15:00 Uhr wieder öffnen, machen wir eine Pause vor der Kirche und blicken von hier ins weite Tal, dessen hinteres Ende durch die Pyrenäen markiert wird. Ein Anblick, der mich immer mehr bedrückt.
Bevor wir unsere kleinen Einkäufe machen, suchen wir auch noch mal die Herberge auf, aber nur, um deren sanitäre Anlagen zu nutzen. Ans Hierbleiben verschwenden wir keinen Gedanken. Dann decken wir uns mit ein paar Lebensmitteln ein, von denen wir einen Teil noch hier im Ort vernichten. Genaugenommen machen wir das im Eingang der Kirche, wo wir nämlich einigermaßen vor dem recht starken Regen geschützt sind, der zwischenzeitlich aufgezogen ist. Erst als es wieder halbwegs trocken ist, ziehen wir weiter. Leider kommt es im weiteren Verlauf des Weges immer wieder zu kleinen Schauern. Steffi und ich laufen einige Zeit in einigem Abstand zueinander. Argagnon, unser erklärtes Ziel für heute, erreichen wir wieder gemeinsam. Hier soll es ein Chambre de haute geben. Dies sind die etwas luxuriöseren Varianten der Gités. Das spiegelt sich aber natürlich auch im Preis wieder. 45,- € soll hier das Zimmer kosten. Da die Anlage aber wirklich nicht schlecht aussieht, und ich bzw. wir ja nun auch nur noch wenige Tage haben, bin ich nicht ganz abgeneigt, zu bleiben.

Waschbecken als Stilleben
Waschbecken als Stilleben

Trotzdem wollen wir uns auch noch mal die Gité ansehen, die es da noch geben soll. Dazu müssen wir ein Stück aus dem Ort raus und durch einen kleinen Wald laufen (→ SV), ehe wir das Anwesen erreichen. Es handelt sich offenbar wieder um eine Art Gehöft. Es besteht aus mehreren kleinen Gebäuden, die hier fern ab von allem am Waldrand liegen. Wir können zwar nirgendwo jemanden entdecken, aber da die Türen alle offen sind, nutzen wir die Gelegenheit und inspizieren die Räumlichkeiten. Und wir erkennen ziemlich schnell, dass wir offenbar eine Unterkunft wie aus einem Märchen gefunden haben, die tatsächlich noch einmal alle vorangegangenen in den Schatten stellt.
Alle Räume sind liebevoll eingerichtet. Überall entdecken wir kleine Details, Regale voller Bücher, Bilder an den Wänden. Etwas abseits des Hofes stehen einige alte Bauwagen, die ebenfalls zu sehr urigen Schafzimmern umgebaut wurden. Steffi ist hin und weg davon. In einem Nebenhaus entdecken wir so etwas wie ein Wohnzimmer von dem aus eine massive Holzleiter zu einer Empore hinaufführt. Auf dieser wiederum ist ein malerisch rustikales Schlafzimmer mit eigener Waschgelegenheit eingerichtet. Von daher haben wir eher den Eindruck, uns in privaten Räumen zu bewegen. Hier wollen wir definitiv bleiben und am besten auch nie wieder weg! Fehlt jetzt nur noch jemand, der das hier betreut.
Als ich noch mal eine Runde durch das Haupthaus drehe, höre ich aus einem nicht zugänglichen Teil des Gebäudes Stimmen. Ich klopfe an eine Tür, und kurz darauf kümmert sich eine sehr nette Dame um uns. Sie verschwindet kurz mit unseren Pässen und bringt uns diese um je einen handgezeichneten Stempel reicher wieder. Ich habe mir mal den Spaß gemacht, alle meine bisherigen Herbergen zu zählen. Dies ist damit nun meine 105te Übernachtung auf einem Camino. Davon waren 3, aufgrund von gleichen Wegverläufen in derselben Unterkunft und zwei in einem Hotel. So gesehen, handelt es sich hierbei um meine exakt 100ste Pilgerherberge! Und zugleich würdiger Weise um die definitiv schönste!
Offenbar sind wir heute die einzigen, die diesen traumhaften Ort gefunden haben. Dementsprechend gehört uns auch die gemütliche Küche im Haupthaus, in der wir uns später unser Essen zubereiten. Dank unserer Einkäufe gibt es Nudeln, mit einer leckeren Soße, Wein und zum Nachtisch Schokoladenpudding. Wir können unser Glück mit dieser Unterkunft kaum fassen. Nach dem Essen besorge ich uns noch eine weitere Flasche Wein bei unserer Gastgeberin, und wir machen es uns in „unserem“ Haus gemütlich.

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