Camino via Podiensis (Tag 34)

 

Hounto → Roncesvalles


 → 20,5 Kilometer
↑ 930 Meter

Montag, der 09.08.2010

 

nach Roncesvalles
nach Roncesvalles

Heute ist also der definitiv letzte Camino-Tag. Der Tag, an dem ich Steffi verlassen und den Weg ziehen lasse, der mein erster war, und den ich genau hier vor gut 2 Jahren und 3 Monaten startete. Und genau wie damals bei meiner hier eingelegten ersten Frühstückspause gibt es auch heute wieder Weißbrot mit Marmelade.
Was allerdings definitiv anders ist als 2008, ist das Wetter. Während ich damals eine unglaubliche Fernsicht und einen strahlend blauen Himmel hatte, beugt sich das Wetter heute eindeutig unserer Stimmung. Wir können teilweise keine 20 Meter weit gucken. Dass wir uns mitten in den Bergen befinden, merken wir nur am stetig ansteigenden Weg.
So traurig mich dieser Abschied macht, so glücklich bin ich zugleich über den Verlauf dieses wunderbaren Caminos. Vor allem aber bin ich dankbar für die Begegnung mit Andreas und vor allem natürlich mit Steffi, mit der ich nun 19 Tage lang rund um die Uhr und ohne Unterbrechung unterwegs war. Und es gab tatsächlich keine einzige Minute, in der wir uns auch nur ansatzweise auf die Nerven gingen. Abgesehen davon bin ich mir sicher, dass der letzte Teil des Chemin de Saint-Jacques ohne sie wahrscheinlich recht langweilig geworden wäre. Denn außer ein paar älteren Pilgern bin ich in den letzten 2 Wochen kaum noch jemanden begegnet.
Wir ziehen bis zum Scheitelpunkt fast wortlos nebeneinander her. Dass dies einer der körperlich anstrengendsten Abschnitte aller Jakobswege sein soll, empfinde ich auch dieses Mal nicht so. Und auch Steffi wirkt nicht gerade so, als würde ihr der Aufstieg sonderlich zu schaffen machen.
Als wir den höchste Stelle erreichen, treffen wir plötzlich auf einen jungen Mann und eine Frau im etwa gleichen Alter. Er ist der Deutsche, den wir einst begegneten und mit dem sich Steffi für den Rest des Tages zusammengetan und so gut verstanden hatte. Ich kann nicht leugnen, dass mir dieses Treffen jetzt und hier nicht sonderlich gelegen kommt. Aber nachdem wir einige Zeit zusammen gelaufen sind und uns ausgetauscht haben, lassen Steffi und ich uns langsam wieder zurückfallen.

einsame Kuh
einsame Kuh

Wir machen eine kurze Pause mitten im immer noch dichten Nebel. Danach geht es an den Abstieg nach Roncesvalles. Dank meines Erfahrungswertes, meiden wir den zwar kürzeren aber vor allem unglaublich steilen Weg durch den Wald und wir ziehen die etwas gemächlichere Route nach unten.
Es dauert nicht mehr lange, da tauchen die grauen Mauern des Klosters vor uns auf. Wir sind da. Nur noch wenige Schritte, und auch dieser Camino ist nach über 800 km zu Ende.
Als wir die Klosteranlage betreten, ist das Pilgerbüro noch geschlossen. Auch die Touri-Info macht erst in 30 Minuten wieder auf. Dort will ich mich dann nach einer Rückfahrmöglichkeit nach St. Jean erkundigen. Bis dahin suchen wir zunächst das mir bereits bekannte Restaurant auf, von dem ich aber weiß, dass man dort ohne Reservierung kaum Chancen hat. Und daran hat sich eindeutig nichts geändert. Also ziehen zur zweiten Bar dieses sehr kleinen Ortes. Wir bestellen ein Bier.
Als wir uns zu inzwischen geöffneten Touri-Info begeben, bekomme ich zunächst nur die etwas forsche Auskunft, dass meine einzige Chance ein Taxi wäre. Aber dann scheint die Dame hinter dem Tresen doch noch etwas aufzutauen, und sie gibt mir den Tipp, einfach bis 19:00 Uhr zu warten. Da käme ein Bus aus Pamplona, der hier einen Zwischenstopp einlegt und dann weiter nach St. Jean fährt. Perfekt. Vor allem, weil wir dann noch ein paar Stunden Zeit haben. Diese nutzen wir als nächstes, um Steffi in der Herberge einzuchecken. Der Pilgeransturm auf das Büro, der uns dann erwartet, ist mir natürlich bereits vertraut, aber für Steffi ein kleiner Schock. Trotzdem bekommt sie nach einiger Wartezeit ihr Bett in dem großen Schlafsaal, in dem wir dann schon mal ihre Sachen einlagern. Auch hier werden natürlich bei mir wieder Erinnerungen wach. Als das erledigt ist, begeben wir uns wieder zurück in die Bar.
Irgendwann ist es dann soweit. Draußen hören wir einen Bus vorfahren. Allerdings beendet dieser seine Fahrt hier.
Dann entdecke ich in einigem Abstand plötzlich einen VW-Bus, der einige Rucksäcke einlädt, und scheinbar gerade wieder abfahren will. Ich laufe so schnell ich kann zu ihm hin. Zum Glück hat er aber nur umgeparkt. Ich frage den Fahrer, ob er zufällig nach St. Jean fahren würde. Er bestätigt dies. „Haben sie auch noch einen Platz für eine Person?“ will ich auf Englisch von ihm wissen. „One? Oui.“
Für 10,- € bin ich dabei und habe sogar noch etwas Zeit, da er noch auf ein paar weiter Mitreisende warten muss. Also Zeit genug, um mich in Ruhe von Steffi zu verabschieden.
Da es schon die ganze Zeit regnet, stellen wir uns in den Torbogen der kleinen Kapelle und umarmen uns noch einmal. Ich nehme den kleinen Anstecker in Form eines Pilgers von meiner Mütze ab und drücke ihn Steffi in die Hand. Da ich diesen 2008 von Isabell bekommen hatte und seitdem etliche 100 km getragen habe, ist es das sicherlich Persönlichste, das ich ihr zum Abschied schenken kann. Sie fragt mich ob ich wirklich sicher sei. Ich bin es. Dann sage ich noch, dass das jetzt die letzte Gelegenheit wäre, mitzukommen. Sie betont, dass das Gleiche für mich gelten würde. Das stimmt. Und es gäbe kaum etwas, das ich lieber täte. Aber das würde mich mindestens meinen Job kosten…
Dann gibt uns der Taxifahrer mit einem Augenzwinkern ein Timeout-Zeichen.
Ich drücke Steffi noch einmal und steige in den Bus ein, der direkt darauf abfährt.

Die Rückfahrt ist ruhig und vor allem warm und trocken. Von der Straße aus wirken die Pyrenäen völlig anders als wenn man sie durchwandert.
Logischerweise denken die anderen Mitfahrer bei unserer Ankunft in St. Jean, dass auch ich hier meinen Camino starten will, und zeigen mir den Weg zum Pilgerbüro. Aber was ich jetzt nur noch brauche, ist eine letzte Herberge. Noch in der Hauptgasse finde ich eine Gite (→ SV) mit dem vertrauten Namen Utreija (= Buen Camino/Guter Weg). Und tatsächlich bekomme ich eines von zwei noch freien Betten. Es ist schon ein ziemlich bedrückendes Gefühl, nach langer Zeit mal wieder allein in eine Herberge einzuchecken.
Würdiger weise ist auch diese privat geführte Unterkunft auffällig nett hergerichtet. Das Bad mit seinen Natursteinfliesen verfügt sogar über eine Badewanne. Außerdem gibt es eine große, sehr gut ausgestattete Küche, in der ich meine noch schnell besorgte Pizza Calzone esse. Dies tue ich in Gesellschaft von einem englischen Paar, das hier ausnahmsweise nicht pilgert, sondern die Pyrenäen mit dem Rad „erfährt“. Sie fragen mich, ob die Unterkünfte gut waren und ob ich nette Begegnungen und ein schöne Zeit gehabt hätte.
„Ja, das hatte ich wirklich! Alles.“

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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