Camino Deutschland (Tag 27)

 

Neudenau → Dühren


 → 45,6 Kilometer
↑ 134 Meter

Dienstag, der 16.07.2013

 

Bad Wimpfen

Es ist bereits Mittag, als ich die Jagst, deren Verlauf ich nun einige Tage gefolgt bin, bei Bad Friedrichshall verlasse. Genau genommen endet sie hier auch und mündet in den Neckar, den ich direkt über eine Brücke überquere. Auf der anderen Seite erwartet mich Bad Wimpfen, ein etwas höher gelegener, sehr malerischer, mittelalterlicher Ort. An seinem kleinen, zentralen Platz befindet sich ein Eiscafé mit schattigen Außenplätzen. Natürlich bestelle ich mir hier das inzwischen obligatorische Getränk! Und weil es so schön ist, gleich auch noch ein zweites!
Meine Wasserflasche ist zwar noch zu 3/4 voll, aber wer weiß, wann es die nächste Gelegenheit gibt! Also frage ich die Dame hinter dem Tresen, ob sie mir die Flasche kurz auffüllen kann. Während sie sich genau eine Armlänge vom Wasserhahn entfernt aufhält, erklärt sie mir ausführlich, dass das gerade schwierig sei, weil sie alleine ist und dementsprechend im Augenblick keine Zeit hat. Von den zahlreichen Tischen sind im Augenblick genau zwei belegt! Hätte sie nicht schon die ganze Zeit einen leicht gestressten Eindruck gemacht, hätte ich gedacht, sie macht einen Scherz. Aber meine Flasche behält ihren Füllstand. So etwas ist mir in all meinen Camino-Jahren auch noch nicht passiert!
Nach meinen Berechnungen stehen die Chancen gut, dass ich bereits morgen Speyer erreiche. Dafür sollte ich es aber heute noch bis Sinsheim schaffen. Das bedeutet dann allerdings, dass ich sowohl heute als auch morgen über 40 km zurücklegen muss. Da ich aber natürlich, wie immer, nicht weiß, wo und wann ich unterkomme, beschließe ich kurz nach 19 Uhr, einige Kilometer vor Sinsheim noch einmal in einem Biergarten einzukehren, um dort etwas zu essen. Als ich wieder aufbreche, komme ich noch einmal kurz mit den Herren vom Nebentisch ins Gespräch und frage sie, ob sie einen Tipp für eine Unterkunft hätten. Aber leider stimmen sie alle überein, dass das in Sinsheim nicht wirklich einfach ist.
Auch in Sinsheim selbst erfahre ich von einem Gastwirt, der selbst nichts mehr anbieten kann, dass es da bestenfalls noch das Hotel “Zum Prinzen” gibt. Also mache ich mich auf den Weg durch Sinsheims nicht gerade attraktive Straßen. Irgendwie ist hier alles in den 70ern stehen geblieben und heruntergekommen. Das ist allerdings alles noch gar nichts gegen den “Prinzen” selbst! Ich stehe fassungslos vor einer Art Containerbau, in dem anscheinend Wolldecken als Vorhänge in den Fenstern hängen! Diverse Schilder informieren darüber, dass es hier “schon” ab 49 € Zimmer gibt.

Salinenpark Bad Rappenau

In meiner App finde ich heraus, dass es im nächsten Ort ein Hotel gibt, das Zimmer für 65 € anbietet. Als ich dort anrufe, erfahre ich, dass es da offenbar nicht viel Spielraum gibt. Der Mann am anderen Ende kann gerade mal auf 59 € runtergehen.
Aber anscheinend habe ich keine große Wahl und folge der stark befahrenen Ausfallstraße in das noch einmal 5 km entfernte Dühren.
Ich stelle fest, dass dies der unattraktivste Abschnitt dieses Caminos ist. Selbst die Sonne, die inzwischen seit Wochen ungehindert vom Himmel schien, ist hinter einer grauen Wolkendecke verschwunden. Im Hinblick auf meine Haut ist das aber wahrscheinlich sogar eher ein Vorteil.
In Dühren angekommen, beschließe ich, das Hotel noch einmal hinter mir zu lassen, um vorsichtshalber auch die Kirche aufzusuchen, deren Glocken gerade 9 Uhr schlagen. Auf dem Weg dorthin komme ich am Pfarramt vorbei. Ich steige die kleine Treppe zum Eingang hinauf und klingle. Nachdem sich nichts tut, will ich gerade wieder gehen, da verlässt rechts vom Gebäude ein Auto den Hof. Dessen Fahrer entdeckt mich und lenkt das Fahrzeug direkt wieder auf das Gelände.
Kurz darauf kommt er mir entgegen, fragt mich nur kurz, ob ich Jakobspilger sei und noch während ich ihm das bestätige und nach einer Unterkunft frage, schließt er bereits die Tür auf und bittet mich hinein. Er führt mich eine Treppe hinauf und zeigt mir eine vollmöblierte Wohnung, in der er bis vor kurzem noch selbst gelebt hat. Er stellt sich heraus, dass er nur zufällig kurz hier war, um eine Festplatte herauszuholen. Er fragt mich, ob er mir morgen noch die Kirche zeigen soll. Er würde dann so gegen 11:00 Uhr vorbeischauen. Nun lege ich sicher keinen gesteigerten Wert darauf, will ihn aber auch nicht vor den Kopf stoßen. Allerdings sage ich ihm, dass 11 Uhr für mich dann vielleicht doch etwas zu spät sein wird, da ich noch gute 40 km vor mir haben werde.
Er überlegt kurz und meint, dann kommt er so gegen 9 Uhr vorbei und überlässt mir den Schlüssel fürs Haus. Ein paar Minuten später taucht er noch einmal mit zwei Flaschen Bier auf, da es hier im Haushalt aktuell nur Wasser gibt.

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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