Camino Deutschland (Tag 07)

 

Hannover → Hildesheim


 → 46,9 Kilometer
↑ 128 Meter

Mittwoch, der 26.06.2013

 

Maschsee

Beim Auschecken erklärt mir die Dame an der Rezeption, dass die 20 € Kaution für meinen Schlüssel bereits aus meinem Umschlag genommen wurden. Ich bleibe entspannt und frage gelassen, inwiefern das jetzt mein Problem sei – schließlich halte ich sowohl die Quittung als auch den Schlüssel in meiner Hand. Eine große Diskussion bleibt mir also erspart, aber dafür darf ich gleich auf vier Belegen quittieren, dass ich die Kaution zurückerhalten habe. Etwas irritiert sage ich im Scherz: „Nicht, dass ich jetzt den Erhalt von 80 € unterschreibe!?“ Doch sie bleibt völlig ungerührt: „Nein. Da steht ja 20 €.“ erklärt sie völlig humorbefreit. Komischer Laden! Aber die Nacht war okay. Das Frühstück suche ich mir aber dann doch lieber woanders.
Obwohl zwischendurch die Sonne herauskommt, zeigt ein Thermometer gerade einmal 12 °C an, und an der Trostlosigkeit der Umgebung ändert das auch nichts!
Ich laufe noch fast eine Stunde durch unscheinbare Viertel, ehe ich die auch nicht wirklich attraktive Innenstadt erreiche. In der Marktkirche (→ SV) nutze ich die Gelegenheit, einen Stempel für meinen Pilgerpass zu bekommen. Die Dame dort wirkt erst ratlos, weil sie glaubt, dass dies von einer “offiziellen Person” gemacht werden muss. Nachdem ich sie vom Gegenteil überzeugen kann, darf auch diese wunderschöne Stadt ihren Platz in meinem Pass einnehmen.
Nur kurz darauf erreiche ich die Stelle, an der ich wieder über einen offiziellen GPS-Track verfüge. Von Wegweisern ist allerdings weit und breit noch nichts zu sehen. Aber nun gilt es ohnehin erst einmal, endlich ein Frühstück zu finden! Das stellt weiterhin eine kleine Herausforderung dar. Ich drehe noch einige Runden durch das Zentrum, und lande dann schließlich direkt wieder bei der Kirche, die mir den Stempel gab in einer netten, spanischen Tapas-Bar (→ SV).
Hier bekomme ich nicht nur ein sehr gutes und üppiges Frühstück, sondern auch noch einen echten Café von leche!
Während um mich herum die ersten Leute bereits ihr Mittagessen bestellen, bemerke ich, wie es draußen plötzlich dunkel wird! Aber dann sehe ich, dass nur die Markisen vor dem Fenster ausgefahren werden, was natürlich eher für eine Wetterverbesserung spricht. Und tatsächlich verlasse ich Hannover entlang des Maschsees, bei inzwischen sehr freundlichem Wetter. Aber nicht nur das Wetter hat sich zu seinem Vorteil verändert. Auch die Landschaft gewinnt langsam an Abwechslung und Attraktivität.
Buchstäblich über den Daumen geschätzt, werde ich heute wohl wieder auf über 40 km kommen. Mal sehen, inwieweit meine Kondition das wieder mitmacht! Das gilt aber vor allem für mein Handy, dessen Akkukapazität sich deutlich dem Ende entgegen neigt. So gesehen kommt es doch etwas ungelegen, dass sich ausgerechnet jetzt Fabienne meldet und wir eine ganze Weile miteinander chatten. Aber der Luxus ist es mir wert! Immerhin bin ich so nach fünf Jahren mal wieder mit ihr gemeinsam auf einem Camino unterwegs, wenn auch halb virtuell.

Kaliberg Siegfried

Es ist mal wieder ziemlich genau 21 Uhr, als ich mit Hildesheim meinen Wunschzielort erreiche. Mein Handy verfügt noch über 13 % Akkulaufzeit, ich aber immer noch über keine Unterkunft.
Ein entgegenkommender Mann wünscht mir einen guten Weg, und ich nutze die Gelegenheit, ihn nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu fragen. Als Erstes fällt ihm eine Jugendherberge ein, die aber noch gute zwei bis drei km entfernt am Rande von Hildesheim liegt.
Ich habe zwar bereits 45 km in den Beinen, aber nützt ja nix! Auf dem Weg dahin passiere ich ein 5-Sterne-Hotel, das auf einem Hügel thront (→ SV). Das ist sicherlich nicht meine Preisklasse, und auf einen speziellen Pilgertarif wie in anderen Regionen brauche ich hier sicherlich auch nicht zu hoffen. Dafür ist der Weg hier vielleicht doch etwas zu unpopulär. Aber eventuell haben die ja zumindest eine Idee. Abgesehen davon ist mein Handy inzwischen nur noch bei 3 %!
Und tatsächlich erweisen sich die jungen Damen an der Rezeption als sehr hilfsbereit! Ein Zimmer gäbe es zwar nicht mal mehr in der Theorie, aber sie haben zumindest einen Tipp für eine städtische Einrichtung im Zentrum, das aber einige Kilometer zurück liegt. Außerdem bieten sie mir an, dass ich es mir in der Lobby bequem machen kann, während ich mein Handy etwas auflade.
In der Zeit recherchiere ich und finde heraus, dass die Jugendherberge noch bis 22 Uhr auf hat. Es ist 21:25 Uhr und die Herberge ist noch gut 1,7 km entfernt.
Also rufe ich direkt dort an. Der Mann am anderen Ende informiert mich, dass noch Betten frei seien, sie aber in einer halben Stunde schließen würden. „Das sollte/muss ich schaffen! Allerdings habe ich auch keinen Jugendherbergsausweis!“
„Das ist kein Problem, den können wir hier schnell fertig machen.“
Also raffe ich meine Sachen zusammen und lasse mich per Google Maps fast auf einer Luftlinie über Trampelpfade direkt zur Jugendherberge leiten.
Um 21:55 Uhr stehe ich dem Mann gegenüber, den ich eben noch am Telefon hatte. Er stellt mir den zugesagten Herbergsausweis aus und gibt mir ein Vierbettzimmer, das ich ganz für mich alleine habe. Außerdem erwerbe ich noch zwei Flaschen Bier sowie eine Packung Salzstangen. Das muss fürs heutige Abendbrot reichen!

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