Hildesheim → Winzenburg
→ 37 Kilometer
↑ 269 Meter
Donnerstag, der 27.06.2013

Offenbar war ich gestern Abend zu erledigt und der Rezeptionist der Herberge mit seinen Gedanken bereits im Feierabend. Diese Kombination hat dann wohl dazu geführt, dass meine EC-Karte im Lesegerät auf dem über Nacht unbeaufsichtigten Schreibtisch blieb.
Wirklich gefährdet war sie aber nicht, denn außer mir scheint hier nur noch eine junge Familie die Nacht verbracht zu haben. Und so kann die junge Frau, die hier heute Morgen Dienst hat, mir nicht nur mein Zahlungsmittel wieder aushändigen, sondern auch den Herbergsausweis, den ich ebenfalls noch gar nicht bekommen hatte.
Dass die Herberge so wenig Gäste hat, liegt mit Sicherheit nicht an der Herberge selbst! Abgesehen davon, dass sie exponiert auf einem Berg liegt und man von hier einen großartigen Blick auf Hildesheim hat, sind die Zimmer gut ausgestattet, und auch das Frühstück lässt keine Wünsche offen!
Und dann stellt sich auch noch heraus, dass sie direkt am Camino liegt. Dementsprechend starte ich um 9 Uhr ausgeschlafen und gut gefrühstückt wieder direkt auf den Weg. Das ist auch eine wichtige Voraussetzung für den heutigen Tag! Denn laut Karte habe ich nicht nur wieder eine ziemlich lange Distanz vor mir; sie ist anscheinend auch frei von jeglicher Infrastruktur. Auch hier am Ortsrand von Hildesheim gibt es weit und breit keine Einkaufsmöglichkeiten mehr.
Selbst gestern Abend hätte ich keine Gelegenheit mehr gehabt, da der Camino seltsamerweise an der Stadt vorbeiführte.
Zum Glück täuscht der erste Eindruck der Karte, und ich komme nach gut 7 km durch Diekholzen. Hier habe ich dann doch noch einmal die Gelegenheit, mich einzudecken.
Noch kurz bevor ich in einen der Supermärkte einkehre, hält plötzlich ein Auto neben mir. Der Fahrer hat mich als Pilger erkannt und spricht mich auf meine Tour an. Im Gespräch bestätigt er mir, dass es mit der Infrastruktur hier in der Gegend wirklich nicht einfach ist.
Auch er habe gerade erst eine Pilgerin aufgenommen. Aber da der Tag noch jung ist und er hier im Ort wohnt, stellt sich die Frage für mich gar nicht erst.
Kurz darauf verlasse ich den Ort wieder gut versorgt und damit einigermaßen bereit für einen Abschnitt, der ab jetzt erst einmal wieder wirklich frei von jeglichen Versorgungsmöglichkeiten, aber womöglich auch Unterkünften ist!
Dafür wird die Landschaft immer abwechslungsreicher, aber auch hügeliger! Letzteres ist für die unter Umständen sehr nötige Kondition natürlich eher kontraproduktiv.
Eine Zeit lang beobachte ich in einigem Abstand zu mir kräftige Regensäulen, die mich aber dann ziemlich plötzlich erreichen. Und als der Regen so stark wird, dass auch meine Regenkleidung dem nichts mehr entgegensetzen kann, suche ich Unterschlupf in einer Scheune mit landwirtschaftlichen Geräten.
Die beiden Männer, die hier gerade arbeiten, nicken mir nur freundlich zu und erlauben mir sogar, eine Steckdose zum Laden meines Handys zu nutzen.
Nach gut 20 Minuten lässt der Regen nach, und ich kann wieder weiterziehen.
Wenn man stundenlang durch die Pampa marschiert, greift man nach jedem Strohhalm, wenn es darum geht, eine Einkehr zu finden. So freue ich mich, als ich plötzlich am Wegesrand ein Schild mit der Aufschrift “Kulturherberge” entdecke, über dem auch noch eine Jakobsmuschel prangt.

Also folge ich dem Wegweiser und betrete kurz darauf ein Gelände, auf dem sich eine Art Kunststätte mit einigen Gebäuden befindet. Ein junger Mann, der gerade seinen Wagen verlassen hat, sieht mich und fragt, ob er mir helfen könne. Ich erzähle ihm, dass ich eigentlich in der Hoffnung war, hier eventuell irgendwo ein Café zu finden. Daraufhin bietet er mir an, mir einfach einen Kaffee zu machen.
Ich nehme das Angebot dankend an und befinde mich kurze Zeit darauf in einer privaten Küche. Auf dem Herd kocht ein handgemachter Kaffee, und um mich herum sitzen inzwischen ein paar mehr junge Leute, die mich über meinen Weg interviewen.
Als ich mit dem wirklich guten Kaffee fertig bin, verlasse ich die Kommune wieder und ziehe weiter.
Meine ganze Hoffnung auf eine Unterkunft liegt auf Winzenburg! Das ist nämlich die einzige Ortschaft, die innerhalb der nächsten 30 km folgt. Aber auch die ist immerhin noch gute 15 km entfernt!
Doch auch die sind irgendwann geschafft, und ich erreiche die 4800-Seelen-Gemeinde. Als ich auf einen Mann treffe, der gerade mit ein paar Kindern etwas aus seinem Wagen lädt, nutze ich die Gelegenheit und frage ihn nach einer Unterkunft. Er erzählt mir, als wäre er am Umsatz beteiligt, dass es da eine tolle Unterkunft am Ortsausgang gebe, die auch gar nicht so teuer sei. Doch als ich die empfohlene Fischerhütte erreiche, bedienen dort zwei junge Frauen die Gäste, laufen aber immer wieder an mir vorbei. Irgendwann schenkt mir aber eine von ihnen doch etwas mehr als nur einen kurzen, genervten Blick und fragt, ob sie etwas für mich tun könne.
Es stellt sich schnell heraus, dass es hier nur Ferienwohnungen gibt und diese auch nur für mehrere Nächte. Auf meine Nachfrage nach einer anderen Möglichkeit nennt sie mir zwei Hotels in Freden, die aber gut fünf km von hier entfernt liegen.
Weiterlaufen macht definitiv keinen Sinn mehr! Also ziehe ich wieder zurück in den Ortskern, um dort noch einmal mein Glück zu versuchen. Die besten Chancen hierfür rechne ich mir bei der Kirche aus. Ich gehe zum nächstgelegenen Gebäude und klingle dort an der Tür. Ein sympathischer Mann mittleren Alters öffnet. Ich entschuldige mich für die Störung und erkläre ihm meine Situation. Er versichert mir, dass das keine Störung sei, erklärt aber auch, dass dies kein Pfarrhaus mehr sei und es leider wegen fehlender Sanitäranlagen etc. auch keine Unterbringungsmöglichkeiten mehr gebe. Trotzdem bittet er mich herein und bietet mir direkt erst einmal etwas zu trinken an. Dann meint er, irgendwas werden wir schon hinbekommen und verschwindet ins obere Stockwerk, wo er offenbar einige Telefonate tätigt. Wieder zurück informiert er mich, dass er aktuell noch nichts hat, er aber noch auf einen Rückruf wartet. Währenddessen erzählt er mir, dass es wohl seit einiger Zeit Bestrebungen gibt, hier für Unterkünfte zu sorgen. Immerhin gehen hier gleich mehrere offizielle Wanderwege durch, und es gibt auf 50 km so gut wie keine Übernachtungsmöglichkeiten.
Eines der beiden Kinder, die unser Gespräch aufmerksam verfolgen, schlägt plötzlich vor, ich könne doch bei ihnen im Zimmer schlafen – eine süße Idee, aber leider fehlt es an Betten.
Dann klingelt das Telefon, und ich entnehme bereits der Reaktion, dass wir Erfolg haben!
Es stellt sich heraus, dass ich in einer Ferienwohnung ein paar Häuser weiter unterkommen kann. Bevor ich aufbreche, drückt er mir ein Lunchpaket und eine Flasche Bier in die Hand und lädt mich sogar zum Frühstück um 7 Uhr ein. Begeistert von seiner Herzlichkeit lehne ich dennoch ab – ich brauche Schlaf!
Nur wenige Minuten später übergibt er mich an meine neue, ebenfalls sympathische Gastgeberin, und ich beziehe eine kleine Ferienwohnung im Dachgeschoss.
(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)






