Göttingen → Burgwalde
→ 31,2 Kilometer
↑ 216 Meter
Sonntag, der 30.06.2013

Das Frühstück verbringe ich mit meinem Mitbewohner, der gestern Abend gegen 23 Uhr dazugekommen ist, und unterhalte mich mit ihm über alles Mögliche. Gerade als ich den Frühstücksraum verlassen will, spricht mich plötzlich eine junge Frau an. Sie hatte die Muschel an meinem Rucksack entdeckt und erzählt mir, dass sie sich für den französischen Camino interessiert. Kurz darauf bekomme ich an der Rezeption mit, wie eine andere Frau ihrem Kind etwas auf Französisch über den Jakobsweg erzählt. Offenbar ebenfalls, weil das Kind die Muschel an meinem Rucksack gesehen hat. Aber auch ich habe Fragen zum Camino! Denn immerhin habe ich ab heute erst einmal keinen GPS-Track mehr zur Verfügung! Und auch in Sachen Infrastruktur bleibt es weiterhin spannend. Aber der Rezeptionistin kann mir nur sagen, dass die Touri-Info heute bis mittags geöffnet hat und es dort auch noch die Jacobikirche gibt. Okay. Dann werde ich die wohl mal als Nächstes ansteuern.
Um Punkt 9 Uhr verlasse ich bei 9 °C die Jugendherberge. Es wird wirklich jeden Tag kälter!
Als ich die Altstadt und damit auch die Jacobikirche erreiche, wird es wirklich kurios! Offenbar steht hier vieles im Zeichen des Jakobsweges. An den Häuserwänden hängen Schilder mit der Muschel, vor der Kirche sitzt eine steinerne Statue, die das Zeichen des Jakobsweges in den Händen hält, und auch vor dem Eingangsportal der Kirche ist eine riesige Jakobsmuschel in den Boden eingelassen (→ SV). Und da ich mir berechtigte Hoffnungen mache, dass der hiesige Pastor mir vielleicht ein paar mehr Informationen geben kann, warte ich geduldig seinen Gottesdienst ab. Das letzte Lied, ein Pilgerlied, widmet er dann sogar dem jungen Mann, der gerade von Hamburg nach Straßburg pilgert. Wir hatten kurz vor Beginn schon miteinander gesprochen. Aber als ich ihn im Anschluss interviewe, ist er nicht einmal in der Lage, mir den weiteren Verlauf des Weges hier durch Göttingen, geschweige denn darüber hinaus, zu zeigen! Das Gleiche gilt natürlich erst recht für eventuelle Unterkünfte im weiteren Verlauf. Dieselbe Erfahrung mache ich dann kurz darauf auch im Touri-Office. Die Frau am Tresen kann mir lediglich erzählen, dass hier häufiger mal Wanderer mit ähnlichen Fragen auftauchen. Nachfrage steigert hier offenbar nicht unbedingt das Angebot!
Von daher muss ich mich jetzt tatsächlich erst einmal ausschließlich per Google Maps weiter in Richtung Eisenach navigieren, das ziemlich genau 70 km Luftlinie von hier entfernt ist. Ab da verfüge ich dann wieder über einen GPS-Track.
Inzwischen ist es schon 12 Uhr, und ich habe Göttingen noch nicht einmal verlassen. Also sehe ich zu, dass ich das mal in südlicher Richtung ändere. Und nur ein paar Straßen weiter passiert das, womit ich gar nicht mehr gerechnet habe: Ich entdecke eine Muschel an einem Laternenpfeiler! Und von hier an klebt dann an jeder zweiten Laterne ein weiterer Wegweiser. Ich bin begeistert!
Aber natürlich bleibt es nicht bei dieser Frequenz, und die Beschilderung setzt zwischenzeitlich auch wieder ganz aus. So ich muss doch auf Google Maps zurückgreifen. Mit Reinhausen erreiche ich mal wieder einen etwas größeren Ort, der auch über ein wenig Infrastruktur verfügt. Nützen tut mir das allerdings nichts, da wir ja Sonntag haben und alles geschlossen ist. Auch die einzige Gaststätte hat leider gerade Urlaub. Das ist nicht nur wegen meines eigenen Energiehaushalts blöd, sondern besonders pikant, weil ich ja nun mehr denn je auf mein Handy angewiesen bin, und auch das hätte gerne zwischendurch mal eine kleine Ladung Strom.
Tatsächlich müssen die letzten Reserven noch bis kurz vor 17 Uhr durchhalten, denn da erreiche ich mit Lichtenhagen erst wieder einen Ort, in dem es auch eine Einkehrmöglichkeit gibt. Die Wirtin informiert mich, dass die Küche aktuell noch nicht in Betrieb ist. Das stört mich nicht weiter, denn im Augenblick will ich ohnehin erst einmal nur etwas trinken. Während ich bei einem großen Bier sowie einem Cappuccino in der ansonsten noch völlig leeren Wirtschaft sitze, nutze ich die Gelegenheit und frage die Wirtin, ob sie eventuell Tipps für eine Übernachtung hat. Sie überlegt hin und her, aber außer einer Gaststätte in Rustenfelde, das noch auf meiner Strecke liegt, fällt ihr nichts weiter ein. Als kurz darauf ein Paar, das hier offenbar ebenfalls zu Fuß unterwegs ist, die Räumlichkeiten betritt, werden die beiden direkt mit in die Ideenfindung eingebunden. Aber auch das bleibt leider ohne Ergebnis.
Also ziehe ich irgendwann erst einmal weiter.
Da ich die ganze Zeit keinen Empfang hatte, erreicht mich jetzt erst eine verzögerte SMS von Sören. Er will wissen, wo ich aktuell bin, denn wie sich herausstellt, war er mit seinem Wagen gerade im Raum Göttingen unterwegs. Aber das hat sich inzwischen erledigt.
Kurz darauf stelle ich fest, dass ich offenbar auf der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, dem Grünen Band, entlanglaufe und damit dabei bin, Niedersachsen zu verlassen und Thüringen zu betreten.
Am Ortseingang von Rustenfelde spricht mich plötzlich eine junge Frau an. Wie sich herausstellt, ist sie die populären letzten 100 km vor Santiago auf dem Camino unterwegs gewesen. Sie begleitet mich noch eine Weile und erzählt mir, dass es hier im Ort leider keine Übernachtungsmöglichkeiten gibt, dafür aber in Burgwalde, das in gut 3 km folgt. Also definitiv machbar – wenn da nicht die unangenehmen Schmerzen im Schienbein wären, die mich seit Kurzem etwas ausbremsen. Also lege ich noch mal eine kurze Pause ein und gehe dann die hoffentlich letzten Kilometer des heutigen Tages.
Die junge Frau aus Rustenfelde hatte recht! Die Gaststätte verfügt tatsächlich auch über eine Unterkunft. Also trete ich frohen Mutes ein und spreche die Dame hinter dem Tresen darauf an. Als sie mit „Ja. Normalerweise schon …“ antwortet, bin ich irgendwie nicht so richtig überrascht. „Wir fahren nur leider morgen sehr früh in den Urlaub. Und wir können Sie ja schlecht irgendwann in der Nacht wieder rausschmeißen!“
„Doch! Und wie Sie das können! Wenn ich um 4 Uhr raus sein muss, ist das kein Problem!“
„Ja, wir müssen halt gegen 7 Uhr los.“
„Das ist für mich absolut in Ordnung! Solange ich mich für ein paar Stunden hinlegen kann, bin ich glücklich!“
„Na gut. Soll ich Ihnen denn schnell noch ein, zwei Brote machen?“
Kurz darauf steht ein Teller mit gut belegten Broten sowie ein großes Bier vor mir auf dem Tisch!
Wir kommen ins Gespräch, und es stellt sich heraus, dass auch sie bereits auf dem Jakobsweg unterwegs war – allerdings mit dem Reisebus!
Das ist ja ein Ding! Ich hätte nicht gedacht, dass ein “Tourigrino” einst mal nicht Fluch, sondern Segen sein würde!
Zwischendurch taucht auch ihr Mann auf und setzt sich zu mir an den Tisch. Unter anderem zeigt er mir stolz seinen Wanderstock, der offenbar aus einem der Souvenirshops am Camino stammt.
Als ich fertig bin, bedanke ich mich noch einmal und quäle mich die zwei Stockwerke nach oben in die kleine Ferienwohnung.
(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)







