Camino Deutschland (Tag 12)

 

Burgwalde → Wanfried


 → 32,7 Kilometer
↑ 303 Meter

Montag, der 01.07.2013

 

Pilgerstatue in Uder

Wie gestern Abend noch verabredet, sitze ich pünktlich um 6:15 Uhr am Frühstückstisch. Dieser ist reichhaltig gedeckt mit Brot, Brötchen und verschiedenen Aufschnitten sowie Alufolie für ein Lunchpaket!
Noch vor 7 Uhr verlasse ich das Haus und prüfe noch einmal gründlich, ob ich nichts vergessen habe, denn in wenigen Minuten werden auch meine Gastgeber nicht mehr da sein.
Abgesehen von der ungewöhnlich frühen Startzeit ist noch etwas anders als an den letzten Morgen: Am Himmel ist nicht eine einzige Wolke zu sehen, und die Temperaturen sind bereits jetzt milder als an den letzten Tagen zur Mittagszeit.
Nach knapp fünf komplett wegweiserfreien Kilometern erreiche ich Uder.
In dessen Zentrum entdecke ich plötzlich ein Pfarrhaus, das wieder einmal völlig im Zeichen des Jakobsweges zu stehen scheint. Vor dem Gebäude befinden sich diverse Symbole, eine Statue sowie Infotafeln.
Vielleicht kann man mir hier ja ein wenig mehr zum Verlauf des Weges sagen. Also trete ich ein und treffe zunächst auf eine Frau, die mich direkt zum Büro des Pfarrers begleitet. Nach einem kurzen Gespräch mit ihm stellt sich heraus: Ja, der Camino verläuft hier durch den Ort. Allerdings nicht der, auf dessen Spuren ich unterwegs bin. Genau genommen ist es so, wie ich befürchtet habe: Zwischen Göttingen und Eisenach gibt es schlichtweg keinen Jakobsweg. Die Route, die hier verläuft, verbindet Leipzig mit Trier.
Aber er kann mir zumindest bestätigen, dass die Strecke, die Google mir vorschlägt, im Großen und Ganzen sinnvoll ist. Außerdem weist er mich darauf hin, dass sie demnächst über einen 500 m hohen Berg verlaufen wird. Aber er macht mir auch Hoffnungen darauf, dass es im rund 20 km entfernten Geismar eine kirchliche Unterkunft gibt, bei der ich sehr wahrscheinlich Station machen kann.
Bevor ich gehe, zeigt er mir noch stolz die verschiedenen Camino-Objekte im Garten des Pfarrhauses und entlässt mich dann wieder auf den Jakobsweg, der von mir ab heute neu gegründet wird.
Das Wetter und die Landschaft bieten nach wie vor ein starkes Kontrastprogramm zu den letzten Tagen.
Umgeben von malerischen Hügelketten und pittoresken Ortschaften finde ich meinen Weg nach Geismar und treffe dort direkt im Pfarramt auf den Verantwortlichen für die Unterkunft. Nur leider muss er mir gestehen, dass die Räumlichkeiten gerade umgebaut werden. Zudem hat er auch keine konkrete Alternative für mich. Allerdings folgt in 7 km noch ein größerer Ort, der sicherlich auch über Unterkünfte verfügt. Seltsamerweise kann er mir aber nicht einmal sagen, ob es hier im Ort aktuell eine Einkehrmöglichkeit gibt. Also mache ich mich selbst auf die Suche und stoße relativ bald auf ein Eiscafé, das aber noch geschlossen zu sein scheint.

Blick auf Schimberg

Durch das Fenster sehe ich eine Frau, die gerade sauber macht. Als sie mich sieht, schließt sie die Tür auf, und ich frage, ob sie demnächst öffnet. „Erst um 15 Uhr.“ Es ist kurz nach 14 Uhr.
„Möchten Sie denn ein Eis?“
„Ein Bier wäre super!“
„Groß oder klein?“
„Damit es sich lohnt: gerne groß!“
Sie stellt mir auf der Terrasse einen Stuhl und einen Tisch zurecht, bringt mir das Bier sowie ein paar Zeitungen zum Lesen und schließt dann erst einmal wieder hinter sich ab.
Als ich um 15 Uhr immer noch da sitze, bestelle ich noch einen Cappuccino. Zwischenzeitlich haben sich zwei ältere Damen an den Nebentisch gesetzt. Wir kommen ins Gespräch. Sie erzählen mir unter anderem ein wenig aus der Zeit, als das hier noch Sperrgebiet der DDR war. Kurz bevor ich aufbreche, fragen die beiden, ob wir nicht gemeinsam weiterwandern wollen. Aber es stellt sich schnell heraus, dass wir unterschiedliche Ziele haben. Ehrlicherweise bin ich erleichtert, denn erfahrungsgemäß hätte ich mein Tempo dafür auf den nächsten Kilometern doch deutlich drosseln müssen.
So erreiche ich relativ zügig nach dem Überwinden eines kleinen Berges Wanfried und steuere dort als Erstes die Touri-Information an. Die ist aber leider geschlossen. Also ziehe ich weiter zum Rathaus und finde dort tatsächlich eine kleine Broschüre mit einem Hotelverzeichnis. Allerdings erreiche ich bei allen drei relevanten Hotels der näheren Umgebung maximal eine Mailbox.
Dafür befindet sich auch gleich neben dem Rathaus ein Hotel (→ SV), das allerdings nicht ganz nach meiner Preisklasse aussieht. Trotzdem gehe ich natürlich hinein, um mich zu informieren. Es stellt sich heraus, dass mich die Nacht hier 42 € inkl. Frühstück kosten würde und auch noch ein Zimmer frei ist. Das ist zwar nicht gerade das, was ich auf einem Camino jede Nacht zahlen würde, aber trotzdem ein überraschend gutes Angebot, das ich dann auch gern annehme! Und so drückt mir die Frau an der Rezeption ohne jegliche Formalitäten einen Schlüssel in die Hand und wünscht mir einen guten Aufenthalt. Genau genommen weiß sie nicht einmal meinen Namen!
Da die Etappe heute deutlich kürzer war als die der letzten Tage, habe ich noch genug Energie, endlich mal meine Wäsche zu waschen und im Anschluss noch eine Runde durch den ganz hübschen Ort zu drehen.

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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