Camino Deutschland (Tag 15)

 

Frauensee → Geisa


 → 36,9 Kilometer
↑ 255 Meter

Donnerstag, der 04.07.2013

 

Vacha

Dank der abgeschalteten Heizung hatte ich keine wirkliche Möglichkeit, meine Schuhe und die Socken wieder trocken zu bekommen. Und so fühlt sich der heutige Start für meine Füße genauso an wie das gestrige Ende.
Aber immerhin scheint heute die Sonne, was aber auch nicht nur Vorteile hat: Aufgrund der extrem hohen Luftfeuchtigkeit fühlen sich die wahrscheinlich nicht mal 20° wie ein Dampfbad an.
Gegen Mittag nutze ich in Vacha das komplette Infrastrukturangebot und kehre zu einem Bier nebst Wurst vom Grill und Cappuccino ein, lade mein Handy auf, hebe Geld ab und kaufe noch einiges an Verpflegung ein.
Von hier sind noch gute 15 km zu laufen und dann erreiche ich Geisa – oder besser: eine Fußgängerbrücke, die über die Ulster nach Geisa führt, aber leider gesperrt ist. Gerade will ich mich einer Alternative zuwenden, das spricht mich ein Mann an und meint, ich solle einfach hinübergehen. Das sei kein Problem. Dann fragt er mich plötzlich, ob ich auf der Suche nach einer Unterkunft sei.
„Ja. Das bin ich tatsächlich.“ Woraufhin er mir noch eine kurze Wegbeschreibung zum Pfarramt mitgibt. Auch im weiteren Verlauf dahin weisen mir gleich mehrere Passanten unaufgefordert die Richtung. Als ich allerdings vor dem Gebäude stehe, habe ich gleich mehrere Klingeln zur Auswahl, die aber alle offenbar ungehört bleiben. Dafür bekomme ich wieder Unterstützung von einer Frau aus dem Fenster gegenüber. Sie meint, ich solle einfach mal hinten auf den Hof gehen. Da müsste eigentlich jemand sein.

St. Philippus und Jakobus in Geisa

Und tatsächlich treffe ich hier auf eine Dame, die auf meine Anfrage hin, ganz enttäuscht antwortet: „Oh nein! Ausgerechnet heute sind bereits 2 Pilgerinnen da und damit auch beide Betten belegt!“
Das kann ja wohl wirklich nicht wahr sein! Da habe ich auf den gesamten bisherigen 500 km nicht einen Weggefährten getroffen, und jetzt sind hier die einzigen beiden Betten belegt!
Wir beginnen gerade damit, Alternativen herauszufinden, da weise ich sie noch mal darauf hin, dass ich eine Isomatte und einen Schlafsack dabei habe und mir ein Dach über den Kopf völlig ausreicht.
„Ja. Dann sollten wir das auch hinbekommen! Die beiden anderen Pilgerinnen dürften sicherlich auch nichts dagegen haben.“
Also organisiert sie kurzerhand einen Schlüssel und führt mich daraufhin zum Hauptgebäude ins Souterrain, wo sie mir eine Art Abstellkammer herrichtet. Sie zeigt mir noch kurz die Sanitäranlagen und überlässt mir den Schlüssel.
Die beiden anderen Gäste sind aktuell nicht da.
Nachdem ich mich geduscht habe, suche ich zum Abendessen noch eine Pizzeria ein paar Häuser weiter auf.
Wieder zurück in der Herberge höre ich, wie in dem Zimmer der beiden Pilgerinnen gesprochen wird. Also klopfe ich an die undurchsichtige Scheibe der Tür, bekomme aber keine Antwort. Allerdings wird drinnen weiterhin gesprochen. Also klopf ich wiederholt. Weiterhin ohne Reaktion. Dann öffne ich vorsichtig die Tür und die beiden Frauen gucken mich bereits in den Betten liegend an und die eine sagt: „Ach, da kam das Klopfen her!“
Ich wundere mich ein wenig, denn so abwegig ist es ja nicht, dass ein Klopfen von einer Tür kommt, zumal man meine Silhouette in der Milchglasscheibe sicherlich auch sehen konnte.
Ich stelle mich kurz vor und wir unterhalten uns ein wenig über unsere Wegstrecken. Die beiden sind von Weimar nach Fulda unterwegs. Fulda ist auch mein morgiges Etappenziel. Es stellt sich allerdings heraus, dass die beiden bereits gegen 5 Uhr aufbrechen.
In so frühen Startzeiten habe ich noch nie einen größeren Sinn gesehen. Abgesehen von der Morgenstimmung hat man eigentlich nur noch weniger Möglichkeiten irgendwo einzukehren und ist viel zu früh ans Ziel.
Ich wünsche eine gute Nacht, verabschiede mich und ziehe mich dann in mein Luxus-Apartment zurück.

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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