Camino Deutschland (Tag 17)

 

Fulda → Simmelsberg


 → 43 Kilometer
↑ 382 Meter

Samstag, der 06.07.2013

 

Die A7 mal von unten

Nach dem gestrigen Tag und vor allem der späten Heimkehr ist es nicht verwunderlich, dass ich für Camino-Verhältnisse relativ spät um 8 Uhr das erste Mal wach werde. Und es dauert noch einmal über eine Stunde, bis Melanie im Wohnzimmer auftaucht, wo ich die Nacht auf der Couch verbracht habe.
Da sie kein Frühstück im Haus hat und ich ja ohnehin gern unterwegs einkehre, empfiehlt sie mir ein bestimmtes Café in der Altstadt. Außerdem solle ich, am besten heute noch, das Kloster auf dem Kreuzberg als heutiges Ziel anstreben, da es dort ein ausgezeichnetes Bier geben soll. Allerdings sprechen sowohl die Distanz als auch die inzwischen schon späte Startzeit eher für morgen. Und sollte ich mal Hilfe brauchen, könne ich sie einfach kontaktieren, dann würde sie mich mit dem Auto einsammeln. Wir vernetzen uns noch auf Facebook, damit sie meinen weiteren Weg mitverfolgen kann, und dann verabschieden wir uns.
Ich folge ihrer Empfehlung und kehre im “Café Sonne” (→ SV) ein. Es macht einen eher alternativen Eindruck. Während es drinnen kaum Mobiliar und wenig Gäste gibt, ist davor in der Sonne umso mehr Betrieb. Umso mehr überrascht der Blick auf die Frühstückskarte: Unter anderem wird jeder Aufschnitt mit durchschnittlich 2 € einzeln berechnet. Zunächst scheint kein Platz mehr frei zu sein, aber der Wirt stellt mir schnell noch einen Tisch mit einem Stuhl zurecht.
Während ich bei meinem Kaffee noch auf die Brötchen warte, taucht ein Mann mittleren Alters auf, der zunächst mit dem Besitzer des Cafés plaudert und dann kurz darauf an meinen Tisch kommt und fragt, ob er sich dazusetzen darf.
Wir kommen natürlich wieder schnell auf das Thema Camino. Unter anderem empfiehlt er mir eine Berghütte, die sich für heute als Unterkunft anbietet. Als es für mich an der Zeit ist, endlich mal aufzubrechen, weist er den Wirt an, mein Frühstück mit auf seine Rechnung zu setzen! Etwas perplex bedanke ich mich und der Cafébesitzer meint nur im Vorbeigehen: „Von dem kannst du dich ruhig einladen lassen! Der hat genug!“
Es ist bereits fast 13 Uhr, als ich die Stadtgrenzen von Fulda endlich hinter mir lasse! Ich glaube, so spät bin ich noch nie aufgebrochen.
Umso sinnvoller ist es, sich schon einmal um eine Unterkunft zu kümmern. Also versuche ich es bei der empfohlenen Berghütte. Die Dame am anderen Ende ist sehr freundlich und bestätigt mir, dass ich für heute Nacht ein Zimmer haben kann. Und auch die Tatsache, dass ich noch mindestens 6 Stunden brauchen werde, stellt absolut kein Problem dar.Gegen 17:40 Uhr muss ich mir allerdings eingestehen, dass die sechs Stunden ziemlich optimistisch waren! Der Camino folgt halt nicht der optimalen Route, und so habe ich jetzt immer noch gute 20 km vor mir, die vor allem mein Handy ohne Energiespritze nicht mehr durchhalten wird! Dummerweise hat das einzige Restaurant im nächsten Ort gerade Urlaub!
Schräg gegenüber treffe ich auf eine Familie, die sich gerade im Garten aufhält, und frage, ob es hier noch andere Einkehrmöglichkeiten gibt, da ich zumindest mein Handy aufladen muss.
„Ja. Allerdings erst in gut 4 km. Aber wenn Sie wollen, können Sie das Handy auch gerne bei uns aufladen!“
Kurz darauf sitze ich mit offenbar drei Generationen am Tisch im Garten.
vor mir meine frisch gefüllte Wasserflasche und etwas Obst.
Nachdem mein Handy wieder etwas über 30 % Akkuladung erreicht hat, ziehe ich weiter. Vorsichtshalber informiere ich meine Unterkunft, dass es doch um einiges später wird. Meine Gastgeberin versichert mir, dass das überhaupt kein Problem sei, und bietet mir zudem an, mich notfalls auch mit dem Auto irgendwo einzusammeln.
Was für eine unglaublich gastfreundliche Gegend!
Trotz oder gerade wegen der fortgeschrittenen Stunde nutze ich die Gelegenheit und kehre noch einmal bei der bereits angekündigten Gaststätte ein, um etwas zu essen. An meinem Zielort wird es dafür gegen 22 Uhr wahrscheinlich zu spät sein.
Um Zeit zu sparen, bestelle ich noch während des Essens die Rechnung und erkläre der Bedienung auch meine Situation. Sie fragt, wo es denn heute noch hingehe. „Zum Simmelsberg.“
„Was!? So weit noch!? Hätten Sie das nur eher gesagt, dann hätten wir Sie zwischendurch drangenommen!“ (Parallel zu mir forderte eine größere Gesellschaft viel Aufmerksamkeit.)
Auch ein älteres Paar vom Nachbartisch, mit dem ich kurz ins Gespräch kam, sowie die Bedienung am Tresen reagieren ähnlich überrascht, als sie mein heutiges Ziel erfahren.

weit fortgeschrittener Tag

Da ich aber nun gut gestärkt bin, mein Handy voll aufgeladen und meine Unterkunft sicher ist, starte ich kurz vor 20 Uhr motiviert in die nun noch verbleibenden 15 km.
Um 22 Uhr kläre ich noch einmal, dass meine späte Ankunft kein Problem darstellt. Sie versichert mir, dass alles gut sei. Sie habe eh noch Gäste an der Bar. Dementsprechend beruhigt genieße ich die Abenddämmerung in der inzwischen recht bergigen Landschaft.
Nur wenige Minuten, bevor die vollkommene Dunkelheit einsetzt, erreiche ich um kurz vor 23 Uhr mein Ziel.
Ich betrete als Erstes die Bar, in der sich immer noch 3 Männer zwischen 20 und 50, eine junge Frau um die 20 sowie meine Gastgeberin aufhalten.
Mir wird ziemlich schnell klar, dass mein Bett noch ein wenig auf mich warten muss! Alle Anwesenden zeigen sich sehr interessiert an meinem Urlaubsprojekt und unterstützen meine Erzählungen mit dem einen oder anderen Kurzen, der sich zu meinem Klosterbier gesellt.
Wie bereits zum Frühstück, werde ich auch jetzt zu allem eingeladen, und die Wirtin platziert noch ganz feierlich ihren Stempel in meinem Pass. Vordatiert auf morgen, denn da wird sie wegen des Schichtwechsels keine Gelegenheit mehr haben. Und den von heute gab’s ja bereits im Dom zu Fulda. Gegen 1 Uhr geht es dann auf die Zimmer.

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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