Camino Deutschland (Tag 19)

 

Kloster Kreuzberg → Bad Kissingen


 → 35,7 Kilometer
↑ 671 Meter

Montag, der 08.07.2013

 

Nicht nur der Umgang mit dem Tourismus ist in diesem Kloster eher modern, sondern auch die Frühstückszeit ist mit einem Zeitfenster von 8 bis 9:30 Uhr relativ spät angesetzt. Ebenso wenig pilgerkonform ist die Bitte, sich beim Frühstück keinen Proviant für unterwegs mitzunehmen. Dementsprechend überschätze ich meinen Appetit bei meinem letzten Brötchen. Und bevor es weggeschmissen wird …
Die Sonne scheint wieder von einem wolkenfreien Himmel. Trotzdem ist es mit 15 °C noch relativ frisch, was sicherlich auch an der Höhe von rund 900 m liegen kann. Es dauert allerdings nicht lange, bis ich es sehr zu schätzen weiß, dass der heutige Abschnitt überwiegend durch schattige Wälder führt!
Dicht stehende Bäume und immer wieder vollkommen verwilderte Wege sind auch fast das Einzige, was ich bis in den späten Nachmittag zu sehen bekomme. Erst gegen 16 Uhr erreiche ich Burkardroth, das tatsächlich auch einen Biergarten besitzt. In diesem gibt es für mich ein großes Mönchsbräu und für mein Handy eine Steckdose, die sich am Zaun direkt neben meinem Tisch befindet. Außerdem nutze ich die Zeit und sichere mir in der Herberge von Bad Kissingen ein Zimmer.
Es ist erst wenige Tage her, da habe ich mir Temperaturen wie die aktuellen sehnlichst gewünscht. Jetzt ist es fast umgekehrt! Zumindest wäre ich durchaus dankbar für die waldreichen Abschnitte vom Vormittag!
Um Punkt 18 Uhr heißen mich die Kirchenglocken von Bad Kissingen willkommen. Allerdings gilt es noch, den gesamten Ort zu durchqueren, da sich die Jugendherberge am gegenüberliegenden Ende der Stadt befindet – genau genommen sogar knapp 3 km außerhalb. Umso überraschter bin ich, als mir der junge Mann an der Rezeption, nach dem Addieren diverser Positionen wie Einzelzimmerzuschlag, Senioren-Tarif, eigene Dusche und Kurtaxe einen Preis von knapp 40 € nennt. Im Stadtkern kam ich an Hotels vorbei, die Zimmer zum selben Preis anboten. Und da hat man, abgesehen von der zentralen Lage, von Haus aus eine eigene Dusche sowie Handtücher und muss auch seine Betten nicht noch selber beziehen! Allerdings wusste ich auch nicht, dass der Basispreis von 16,50 € auf der Website der Jugendherberge genauso veraltet war wie die spätestmögliche Check-In-Zeit (20 Uhr). Inzwischen muss man bis 19 Uhr angekommen sein. Was mir aber zum Glück auch gelungen ist.

Immerhin kommt er mir mit dem Nachlass der Privatduschen-Gebühr von 6 € entgegen. Abschließend lasse ich mir von ihm noch einen Tipp geben, wo man hier etwas essen kann. Als ich aber seiner Wegbeschreibung folge, lande ich am Ende nur in der Pampa und suche mir auf dem Handy eine Alternative. Als ich diese wiederum erreiche, stehe ich vor einer Tür mit dem Schild “Montag Ruhetag”.
Damit mir das bei der nächstmöglichen Option nicht wieder passiert, rufe ich direkt dort an. Am anderen Ende nimmt eine Frau ab, die etwas verwundert darüber ist, dass die Telefonnummer noch im Internet steht, denn ihr Restaurant hat genau genommen schon seit ein paar Jahren Ruhetag.
Bei der vierten Option habe ich schließlich Erfolg. Allerdings stellt sich das Restaurant auch eher als etwas größere, italienische Imbissbude heraus. Davor stehen einige Tische. An einem davon sitzen zwei Herren mittleren Alters. An einen anderen setze ich mich, was die beiden, aber offenbar als zu ungesellig empfinden, und sie laden mich ein, zu ihnen rüberzukommen. Da ich jetzt während des Essens nicht die ganze Zeit einen Korb auf der ansonsten menschenleeren Terrasse im Raum stehen haben will und es schließlich ja auch der Camino ist, nehme ich die Einladung an.
Als Erstes fragt mich der ziemlich korpulente Mann im Feinripp-Unterhemd:
„Wo kommst ‘n her?“
Aus Hamburg.
Biste auf Montage?
Nein. Ich bin hierher gewandert.
Stille.
„Wie? Hierher gewandert!?“
„Naja. Ich bin vor knapp 3 Wochen in Hamburg los und heute hier angekommen. Kennst du den Jakobsweg?“
Den was?
Ich versuche es ihm zu erklären, aber es dauert eine ganze Weile, bis er es versteht und glaubt.
„Das‘ ja brutal!“
Da der zweite Mann zwischenzeitlich kurz austreten war, bekommt er bei seiner Rückkehr die Geschichte noch einmal von seinem Kumpel erzählt. Auch der Restaurantbesitzer, der nach Aussage meiner Gesellschaft die beste Pizza von Bad Kissingen macht, wird bei nächster Gelegenheit umfassend informiert.
Das mit der “besten Pizza” scheint in meinem Fall nicht ganz geklappt zu haben, denn selbst ihr Erzeuger muss eingestehen, dass sie leider etwas angebrannt ist. Weil es aber wirklich nur “etwas” ist, kann ich damit leben. Es folgen noch einige Ramazzotti aufs Haus sowie diverse weitere Fragen zu meinem Weg. Wobei diese sich auch gerne mal wiederholen.
Ich habe das Gefühl, dass für den Herrn im Feinripp die Vorstellung der Einsamkeit fast noch unglaublicher ist, als den Weg zu laufen. Für ihn ist es schon schwer genug, dass seine Frau gerade zur Kur ist, wenn auch hier in Bad Kissingen, in dem sie auch wohnen.
Dementsprechend bedauert er es, dass wir uns nicht früher getroffen haben, denn dann hätte ich ja bei ihm übernachten können.
Ja, das ist wirklich sehr schade …!
Als es endlich an der Zeit ist, zu zahlen, meint der Italiener zu mir: „Gib mir 10 €, das passt dann so.“ Jetzt bekomme ich schon das Trinkgeld beim Essengehen!

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