Camino Deutschland (Tag 20)

 

Bad Kissingen → Binsbach


 → 51,7 Kilometer (12,9 mit dem Auto)
↑ 207 Meter

Dienstag, der 09.07.2013

 

Im Gegensatz zur Jugendherberge in Hildesheim ist diese offenbar sehr gut besucht. Aber obwohl fast alle Tische in den Frühstücksräumen, die sich sogar auf zwei Ebenen verteilen, überwiegend mit Kindern und Jugendlichen belegt sind, geht es erstaunlich ruhig zu.
Nach dem Frühstück frage ich den jungen Mann an der Rezeption noch, wo ich meine Wasserflasche auffüllen kann, weil die zugänglichen Wasserhähne dafür alle zu niedrig sind. Da er sich erstaunlich ratlos gibt, rege ich an, doch vielleicht einmal in der Küche nachzufragen. Um Punkt 9 Uhr verlasse ich die Herberge mit einer gefüllten Wasserflasche.
Eigentlich gehört es ja zu meiner täglichen Normalität, dass ich morgens noch keinen Plan habe, wo ich abends enden werde – geschweige denn, wo ich übernachte. Aber der heutige Abschnitt scheint da mal wieder ganz besonders spannend zu werden. Die nächste größere Stadt ist Würzburg. Das liegt aber noch mindestens 60 km entfernt, und bis dahin gibt es nur kleine Wohnorte.
Das Wetter ist wieder hochsommerlich und die Strecke überwiegend schattenfrei. Und ich bin heute irgendwie etwas antriebslos. Vielleicht ist das auch einer der Gründe dafür, weshalb ich bei meiner nächsten Einkehr in einem Eiscafé beschließe, mal etwas anderes zu bestellen als sonst. Sozusagen als Aufmunterung. Es würde mich sogar nicht wundern, wenn dies meine allererste selbst bestellte Cola meines Lebens ist! Außerdem folgt kurz darauf noch, inspiriert durch meinen Nachbartisch, ein Eiskaffee.
Tatsächlich hebt dieser Zuckerflash offenbar meine Moral, und ich breche deutlich motivierter wieder auf.
Trotzdem beginnen die hohen Temperaturen und die schattenfreien, asphaltierten Straßen ziemlich bald wieder an meiner Kondition zu zerren.
Mal wieder werde ich beim Erreichen des Ortes, von dem ich mir erhoffe, in ihm eine Unterkunft zu finden, vom 18-Uhr-Läuten der Kirchenglocken empfangen. Neben der Kirche, beim Pfarramt, treffe ich auch direkt ein paar Leute, von denen ich erfahre, dass es zwar hier im Ort keine Übernachtungsmöglichkeit gibt, dafür soll es aber im nächsten Ort, nur knapp 2 km weiter, eine Unterkunft geben, die Pilger aufnimmt. Sie drücken mir noch eine Flasche Wasser in die Hand, und ich ziehe weiter.
Tatsächlich finde ich das besagte Haus mit seinen Camino-Symbolen an der Wand ohne Umwege. Nur leider reagiert niemand auf mein Klingeln.

Also beschließe ich, erst einmal die Gastwirtschaft im Ortskern aufzusuchen, um etwas zu essen. Vielleicht kann man mir hier ja auch einen Tipp geben. Ich habe die Räumlichkeiten kaum betreten, da ruft ein ziemlich muskulöser Mann mit Glatze aus der gegenüberliegenden Ecke: „Ey, wo kommst du denn her?“
Ich antworte nur: „Aus Bad Kissingen.“, und setze mich an einen der Tische. Nachdem ich mir einen Hackbraten bestellt habe, ruft der Mann aus der anderen Ecke, von dem ich mir nicht sicher bin, ob sein kahler Kopf vielleicht auch ein politisches Statement sein könnte, wo es denn heute noch hingehen soll.
„Genau genommen bin ich auf Unterkunftssuche hier auf der Ecke.“
„Wo kommst’n her?“ Dieses Mal meinte er das wohl eher allgemein, und es folgt ein ähnlicher Dialog wie am Vorabend – quer durch den Raum. Dementsprechend nehmen auch die anderen im Raum Ansässigen, inklusive des Wirts, an diesem Gespräch teil.
Letzterer kann mir leider kein Zimmer anbieten, da er ausgebucht ist.
Als ich das Restaurant wieder verlasse, stehen die drei Männer aus dem Gastraum zum Rauchen vor der Tür. Einer von ihnen fragt mich: „Wo gehst‘n jetzt noch hin?“
„Ich werde es jetzt einfach noch mal bei der Unterkunft am Ortseingang versuchen.“
„Ja, sonst willst du meine Handynummer haben? Wir fahren noch nach Thüringen, da können wir dich dann mitnehmen!“
„Nein, danke, das ist sehr nett, aber ich werde doch mal versuchen, weiter Richtung Frankreich zu kommen.“
Bei der vermeintlichen Herberge werde ich wieder nichts. Also frage ich beim Nachbarhaus an. Die ältere Dame, die mir öffnet, meint, dass da aber gerade jemand nach Hause gekommen sei, und geht mit mir wieder rüber. Und tatsächlich öffnet dieses Mal eine weitere Frau die Tür. Es stellt sich aber heraus, dass hier keine Pilger mehr übernachten. Das hätten wohl vor einiger Zeit ihre Eltern noch so gemacht. Heute werden hier vorbeiziehende Pilger nur noch versorgt.
Trotzdem bittet sie uns herein und führt uns in den Garten. Sie meint, sie hätte da noch eine Idee und verschwindet daraufhin zum Telefonieren ins Haus. Als sie wiederkommt, erzählt sie mir, dass es da in Binsbach eine Pilgerherberge gibt, die aber offiziell noch gar nicht eröffnet sei. Und tatsächlich werden die letzten Handwerkerarbeiten heute erst abgeschlossen. Hinzu kommt, dass es bis dahin noch gute vier Stunden Fußweg sind. Aber sie würde mich dort eben hinfahren.
„Oh nein!“ denke ich und schaue eben nach, wie viele Kilometer es tatsächlich sind: 8,5. Dafür brauche ich doch keine vier Stunden!
Also sage ich ihr, dass ich das in zwei Stunden schaffen könnte. Sie bezweifelt das, meint aber, ich solle da einfach noch einmal kurz anrufen und das klären. Es stellt sich heraus, dass meine Gastgeber in spe gegen 21 Uhr Feierabend machen wollen. Es ist 20:15 Uhr.
Dann also doch das Auto!
Kurz bevor wir losfahren, fragt die Frau mich noch, ob ich noch etwas zu trinken mitnehmen möchte. Ich lehne dankend ab, zumal ich ja gerade erst etwas gegessen habe. Das lässt sie als Argument nicht gelten und bittet mich, ihr mit in den Keller zu folgen, der sich als regelrechtes Getränkelager herausstellt! Von dort packt sie mir direkt zwei Flaschen Bier sowie eine Flasche Wasser ein, und dann brechen wir auf.
Der, ich vermute mal Pfarrer, gibt mir eine kurze Einweisung in die nagelneuen Räumlichkeiten, in denen tatsächlich gerade noch ein paar Handwerker tätig sind (→ SV). Er versichert mir aber, dass sie demnächst fertig sein werden. Außerdem fragt er mich, ob ich bei Gelegenheit den ersten Eintrag ins Gästebuch machen könne und ob ich morgen früh für ein kurzes Foto für die Lokalpresse zur Verfügung stünde. Er würde mich dann um 8 Uhr abholen, auch um dann anschließend bei ihnen zu frühstücken.

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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