Camino Deutschland (Tag 24)

 

Rothenburg ob der Tauber → Herrentierbach


 → 34,3 Kilometer
↑ 144 Meter

Samstag, der 13.07.2013

 

Doppelbrücke

Bevor ich die Stadt verlasse, muss ich unbedingt noch einmal eine Runde durch die pittoresken Gassen drehen und mir die Ecken ansehen, die ich gestern Abend nicht mehr geschafft habe. Leider bin ich mit meiner Begeisterung nicht so ganz allein. Durch die kleinen Straßen schieben sich mitunter ganze Scharen von Touristen. Allen voran unzählige Reisegruppen aus dem asiatischen Raum. Diese allgegenwärtige Gesellschaft findet dann aber plötzlich ein abruptes Ende, als ich noch einmal die St.-Jakobs-Kirche betrete, um mir dort noch meinen Stempel zu holen. Laut Öffnungszeiten ist diese eigentlich noch geschlossen. Da sich die Tür aber öffnen lässt, trete ich vorsichtig ein, und mir kommt direkt eine Frau entgegen, die mich mit einem freudigen „Oh, ein Pilger!“ begrüßt. Als dann aber direkt hinter mir eine ganze Gruppe Japaner ebenfalls eintreten will, werden diese direkt wieder freundlich nach draußen gebeten.
Ich hingegen bekomme meinen Stempel, und wir unterhalten uns noch kurz über den weiteren Verlauf des Weges, da ich ja immer noch unschlüssig bin, ob ich über Stuttgart oder über Speyer weiterlaufe.
Offenbar ist ihr der Weg über Speyer zumindest geläufiger.
In einem Café direkt gegenüber der Kirche beschließe ich dann auch, weiterhin bei dieser Variante zu bleiben. Das entspricht dann zwar wieder einmal nicht der Route in meinem Wanderführer, scheint aber die kürzere und auch etwas attraktivere Strecke zu sein. Abgesehen davon kann ich Isabell dann in Speyer weiterhin wie geplant treffen.
Es wird langsam Zeit, aufzubrechen! Inzwischen ist es bereits nach 11 Uhr! Und da ich ja nun wieder ohne Wanderführer unterwegs bin, habe ich keinen Schimmer, wo der Tag heute enden wird!
Nach relativ ereignislosen 20 km erreiche ich gegen 16 Uhr Schrozberg. Dies ist der perfekte Zeitpunkt, für eine Einkehr! Es gibt hier auch jede Menge Gastronomie. Allerdings ist das Meiste davon noch geschlossen und/oder sieht nicht besonders einladend aus. Trotzdem ist es an der Zeit, etwas zu essen! Also kehre ich gezwungenermaßen in eine eher schlichte Dönerbude ein. Da hier geraucht werden darf, ist der Verzehr verboten. Aber ich darf mich mit meinem Döner und dem alkoholfreien Bier in einen separaten, sehr spärlich möblierten Raum mit einigen Spielautomaten setzen. Es dauert nicht lange, da kommt einer der, ich vermute mal, Stammgäste zu mir herübergeschlurft. Und während ich versuche, auf meinem Handy meine nächste Unterkunft herauszufinden, beginnt ein Dialog, wie ich ihn in den letzten Tagen jetzt schon häufiger erlebt hatte:
„Wo will’n der Kollege hin?“
Ich erkläre es ihm kurz.
„Willst‘n hier irgendwo unterkommen?“
„Nein. Das ist noch etwas zu früh. Ich will möglichst noch ca. 10 km machen.“
„Hier würd’st aber was bekommen!“
„Das ist gut zu wissen, aber ich will noch ein bisschen weiter.“
„Kannst auch bei mir unterkommen!“
„Oh. Das ist sehr nett. Aber wie gesagt …“
„Hab’s nur gut gemeint!“

Ehemaliges Rathaus

Diese Dialogrunde drehen wir tatsächlich noch einige Male, ehe ich mit meinem Essen fertig bin und wieder aufbreche. Noch nicht ganz am Ausgang, hält mich sein Kollege auch noch einmal buchstäblich fest und interviewt mich auf ähnlich müßige Art. Als ich mich endlich auch aus diesem Dialog befreit und den Laden ein paar Meter hinter mir gelassen habe, fällt mir auf, dass ich ohne meinen Stock gestartet bin!
„Na, hast’ es dir doch anders überlegt?“
Ich weise auf meinen Stock, greife ihn mir und sehe zu, dass ich diesen Ort zügig verlasse!
Ich bin ohnehin gut beraten, mich ein wenig zu beeilen, da es inzwischen 16:30 Uhr ist und ich immer noch keinen Plan für meine Übernachtung habe.
Mit Herrentierbach erreiche ich einen relativ kleinen Ort, der aber zumindest so groß ist, dass ich mir hier durchaus Chancen auf eine Unterkunft ausrechne. Und nach rund 34 km wäre das auch durchaus passend. Apropos erreichtes Pensum: Ich habe ganz nebenbei festgestellt, dass ich heute mit dem knapp 900 km die maximale Gesamtkilometerleistung aller meiner bisherigen Caminos erreicht habe – zumindest, was es die offiziellen Parts angeht! Meistens habe ich danach ja immer noch eine Art Bonus-Runde gedreht.
In diesem Fall stehen aber bis zum offiziellen Ziel noch so einige Kilometer an.
Ich habe die ersten Häuser des Ortes gerade hinter mir gelassen, da komme ich an einem Grundstück vorbei, wo einige Männer im Garten grillen. Als sie mich entdecken, sprechen sie mich an und wir kommen kurz ins Gespräch. Natürlich nutze ich diese Gelegenheit und frage nach einer Unterkunft. Sie bestätigen mir, dass es da wohl tatsächlich etwas geben würde. Ich solle die Straße noch einmal ein kurzes Stück zurück zum Dorfvorstand gehen, die würden da etwas in der Richtung verwalten. Kurz darauf klingle ich bei dem beschriebenen Haus, und der Mann, der mir daraufhin die Tür öffnet, erzählt mir, dass ich am anderen Ende des Ortes bei einem Fachwerkhaus mit grüner Tür mal anfragen soll. Die Frau, die dort wohnt, kann mir sehr wahrscheinlich weiterhelfen. Also wieder zurück, vorbei an der kleinen Grillparty und einmal durch den Ort. Dort erreiche ich einen sehr schönen, restaurierten Hof. Die relativ junge Frau, die mir hier öffnet, begrüßt mich mit einem freudestrahlenden „Oh, ein Pilger!“ Dann wechseln wir nur ein paar Worte, und dann bittet sie mich, doch einfach schon mal ins Auto zu steigen. Sie holt nur eben den Schlüssel. Wir fahren aber tatsächlich nur ein paar hundert Meter zurück in die Ortsmitte, genau genommen zum ehemaligen Rathaus. Dieses hat sie nämlich, wie sie mir erzählt, gerade vor dem Abriss bewahrt und frisch renoviert. Entstanden sind dabei ein paar Ferienwohnungen, von denen eine heute Nacht mir gehören soll. Und die wiederum kann sich wirklich sehen lassen: Alle Räume haben Namen, sind hell, freundlich und vor allem mit sehr viel Liebe zum Detail eingerichtet. Vom Geschirrspüler bis zum Himmelbett gibt es hier alles! Außerdem ist der Kühlschrank bis unter das Dach gefüllt.
Nachdem sie mir alles gezeigt hat, fragt sie mich noch, was für Brötchen ich denn morgen früh haben möchte, und überlässt mich dann meinem neuen Domizil.
Ich kann mein Glück mal wieder kaum fassen! Zumal ich von ihr noch erfahren habe, dass es jetzt im weiteren Verlauf des Weges eine ganze Weile nichts mehr an Unterkünften gegeben hätte.
Auf diese glückliche Fügung hin gönne ich mir als Erstes einmal eines der kaltgestellten Hefeweizen!

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(über die Sitemap lassen sich die Tage gezielt aufrufen)

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